Filmon Fsaha, 19
- Geflüchtet aus Eritrea

»Ich bin müde immer woanders zu sein, mal hier, mal da. Also habe ich mich entschieden in Unna zu bleiben.« 
Filmon erzählt Euch seine Geschichte

Interview: Filmon ist 2016 aus Eritrea geflüchtet und hat sich auf den Weg nach Deutschland gemacht. Wie sein Weg verlief, welche Hürden er nehmen musste und welche Eindrücke er hatte, erfahren Sie im Folgenden.

Lisa:
Warum hast du deine Heimat verlassen?

Filmon:
Der Grund warum ich meine Heimat verlassen habe war, dass ich nicht das machen konnte was ich wollte. Das größte Problem ist, dass mein Vater und meine Brüder seit meiner Geburt im Militär sind. 

Als ich die Schule verlassen habe, habe ich 2016 meine Heimat verlassen, da war ich 14. Normalerweise geht das erst ab 18. Ich habe aber die Schule verlassen und ein Papier bekommen. Ich wollte nicht zum Militär. Ich konnte nicht in die Schule.

Wenn ich das mit Deutschland vergleiche ist das ein großer Unterschied.
 

Wichtig zu wissen:
In Eritrea herrscht Militärpflicht. Man muss den Militärdienst antreten, ansonsten hat man kaum Rechte. Der Militärdienst ist auf unbestimmte Zeit, kann also 2 Jahre aber auch 8 Jahre andauern. Mit Abschluss des Militärdienstes erhält man ein Zertifikat, ohne das man keinen anderen Beruf ausüben kann sowie in seiner „Freiheit“ enorm eingeschränkt ist. 

Lisa:
Also hast du die Schule verlassen und bist dann geflüchtet? Bist du mit deiner Familie geflüchtet oder alleine?

Filmon:
Genau. Ich bin alleine, beziehungsweise mit Freunden geflüchtet. Meine Freunde hatten das gleiche Problem mit dem Militärdienst wie ich.

Lisa:
Wie war dein Weg nach Deutschland?

Filmon:
Mein Weg war sehr schwer. 2016 habe ich mein Heimatland verlassen und bin nach Äthiopien gegangen, wo ich 11 Monate lang in einem Flüchtlingslager gelebt habe. Es gibt verschiedene Camps dort, ich war in Hitsats. Danach war ich für einen Monat im Sudan. Es gab dort sehr viele Kontrollen. In Sudan war ich in keinem Camp, sondern in einer Wohnung mit Freunden, aber dort konnte ich nicht rausgehen, weil man Angst vor der Polizei hatte. 
Wenn man keine Papiere hat, muss man in sein Land zurück oder viel Geld bezahlen. Deswegen war ich einen Monat nur in der Wohnung. Ein Kiosk zum Einkaufen für Lebensmittel war nicht weit. Direkt neben dem Haus, wo ich gelebt habe.
Der Weg nach Libyen hat einen Monat gedauert. Wir hatten nicht viel Wasser. 

Von Äthiopien in den Sudan, waren wir halb zu Fuß und halb mit dem Auto. Von Sudan nach Libyen mit dem Auto. Aber das war schwer. Zum Beispiel waren wir in einem LKW mit 300 Leuten. Es gab immer mal wieder Unterbrechungen. Einmal war das Fahrzeug defekt, dann kamen andere Leute dazu, auf die wir warten mussten. Insgesamt waren wir dann 2 Wochen unterwegs bis wir nach Libyen angekommen sind. 

In Libyen war es sehr schwer. Dort war ich ein Jahr, welches ich in einer großen Halle ohne Sonne beziehungsweise die Möglichkeit nach draußen zu gehen verbracht habe. 

Lisa:
Wie kann man sich deine Zeit in Libyen vorstellen?

Filmon:
Wir mussten uns dort in dieser großen Halle verstecken. Wenn man uns gesehen hätte, hätte die uns entführen können. Also haben wir uns versteckt, wofür man viel Geld bezahlen musste. Wenn man sofort das Geld bezahlt hat, konnte man direkt nach Italien weiter oder wurde frei gelassen. Unterwegs gibt es viele Kontrollen, wo man dann festgehalten wird, wenn man nicht bezahlen kann. 

Bei dem einen Jahr, dass ich in Libyen verbracht habe, hatte ich Glück. Bis jetzt kenne ich noch Leute, die in Libyen sind.

Wenn ich bezahlt habe, kommt der nächste und will auch bezahlt werden. Wenn man nicht bezahlen kann wirst du geschlagen, manchmal auch mit Elektroschocks.  

Lisa:
Hast du dann bezahlt oder wie war dein weiterer Weg?

Filmon:
Ich hatte eine große Chance. Bei mir waren es viele Leute, ich habe einmal bezahlt und mich von meiner Gruppe getrennt. Dort gab es ein Problem bei einer Polizeikontrolle. Ich war dann mit einer Gruppe zusammen, wo die Menschen teilweise aus Marokko oder Bangladesch stammten. 
Aus meinem Land waren 3 Leute dabei.
Ich musste noch zweimal bezahlen und bin dann nach Italien.

Lisa:
Wie ging es dann für dich weiter?

Filmon:
Wir sind dann mit einem kleinen Schlauchboot 26 Stunden, den ganzen Tag und die ganze Nacht gefahren.

Lisa:
Was ist dir dabei durch den Kopf gegangen?

Filmon:
Einmal ist der Motor ausgegangen und das Boot ist nicht weitergefahren. Wir konnten den Motor nicht anmachen, da dies große Kraft gekostet hat und wir diese Kraft nicht mehr hatten. Wir waren ja zuvor ein Jahr in Libyen, wo wir nicht viel Essen hatten. Wir haben viel bezahlt, aber nicht viel Essen bekommen. Deswegen hatten wir keine Kraft den Motor anzumachen. 

Ein Mann aus Marokko, der in Libyen gearbeitet hat und mit uns gekommen ist, hat es geschafft den Motor anzumachen und wir konnten weiterfahren. Bevor der Motor angegangen ist, trieb das Boot einfach. Wir wusste nicht wo wir lang fuhren.
Dies ging zwei Stunden so, von links nach rechts, ohne konkrete Richtung. Es war sehr schwer. Manchmal dachte man, sein Leben ist vorbei.

 

Lisa:
Wie viele Leute waren mit dir auf dem Boot?

Filmon:
Wir waren circa 33 Menschen. Wir hatten auch kein Licht. 
Es war einfach nur Glück, dass das Boot angekommen ist. 

Lisa:
Was war dein nächster Schritt, als du in Italien mit dem Boot angekommen bist?

Filmon:
Die Leute in Italien haben mir eine Wohnung gegeben, dort war ich eine Woche. Dann bin ich nach Rom gefahren. Ohne zu bezahlen, da ich kein Geld hatte. Ich wollte nur noch nach Deutschland.
Einmal hat mich die Polizei aus dem Zug geworfen. Ich habe es nochmal probiert und bin in den nächsten Zug eingestiegen. Ich bin dann in Frankreich angekommen, wo ich nur einen Tag war. Dort habe ich draußen auf der Straße geschlafen. Dort waren viele Leute wie ich. Mit dem Zug bin ich dann nach Deutschland gefahren.

Lisa:
Was hattest du bei deiner Ankunft an dir?

Filmon:
Ich konnte nichts mitnehmen. Nur Kleidung, nichts anderes. Auch kein Geld oder Handy. Ich hatte gar nichts. 

Lisa:
Wo bist du in Deutschland angekommen?

Filmon:
Zunächst war ich in einer Stadt an der Grenze von Frankreich, bis ich dann nach Hamburg in ein Flüchtlingscamp gekommen bin. Dort war auch  mein Onkel. Dann wurde ich hierhin, nach Unna, geschickt. 
In Unna wurde ich dann gefragt, ob ich hier bleiben will oder zurück nach Hamburg möchte. Aber das wollte ich nicht. Ich bin müde immer woanders zu sein, mal hier, mal da. Also habe ich mich entschieden in Unna zu bleiben.

Lisa:
Hast du noch Kontakt zu deiner Familie in Eritrea?

Filmon:
Selten mit meiner Mama. Meinen Vater kann ich nicht kontaktieren, weil er beim Militär ist. Wenn ich mit meiner Mutter telefoniere kostet es viel Geld. Deswegen können wir auch nur einmal im Monat telefonieren. Sie haben kein Whatsapp, Facebook oder ähnliches. Man muss ganz normal telefonieren, was viel kostet. Manchmal sprechen wir noch nichtmals und das Geld ist aufgebraucht. Man kann nicht über Alles sprechen. Meistens begrüßen wir uns nur kurz, für mehr reicht die Zeit nicht.

Lisa:
Ist Deutschland so wie du dir das vorgestellt hast?

Filmon:
Hier ist es nicht so wie ich es gedacht habe, nein. Zum Beispiel, zehn Monate nachdem ich hier angekommen bin wurde mein Asylantrag abgelehnt. Ich wollte hier einfach leben und ganz normal in die Schule gehen. Nachdem der Antrag abgelehnt wurde, konnte ich mich nicht mehr in der Schule konzentrieren. Das erste Mal dachte ich, dass ist nicht mein Land. 

In Deutschland gibt es in den Gesetzen Freiheit. Aber es stimmt nicht ganz. Ich habe meine Probleme erzählt und mir wurde gesagt, dass das nicht stimmt. 

Es kam oft die Antwort, das darfst du nicht in Deutschland, wenn du das möchtest, dann musst du zum Rechtsanwalt gehen. 
Nach einem Jahr war ich dann beim Rechtsanwalt und der hat dann gewonnen. Dann habe ich meinen Asylantrag genehmigt bekommen. 

Ich habe dort gewohnt wo es keine Freiheit gibt und hier kann man die Freiheit finden, aber beispielsweise jetzt auch, ich kann in Deutschland leben, darf aber in kein anderes Land gehen. Es gibt Unterschiede zu dem was man hört und wie es hier ist. 

Ich möchte nur Freiheit hier. Ich wollte mein Land nicht verlassen. Wenn mein Land gut ist, kann ich in meinem Land leben. Aber das Problem ist, dass ich nicht in meinem Land leben kann. Man kann nicht gut schlafen. Ich kenne viele Leute, die draußen schlafen, weil das Militär in deren Haus reinkommt. Wenn das Militär die Söhne nicht findet, dann nehmen sie die Eltern. Die Eltern müssen sich bei den Nachbarn oder Bekannten verstecken. 
Wenn mein Land nicht so wäre, wäre ich nicht hier. Wenn es gut wäre, würde ich mein Land lieben. Doch das kann ich nicht. 

Ich finde Deutschland gut, aber es gibt viele Leute aus Eritrea, die nichts machen können. 
Was ich erwartet habe, habe ich bisher noch nicht gefunden. 

Ich meine nicht, dass Deutschland schlecht ist, Deutschland ist gut. Nur die Probleme mit den Papieren habe ich nicht erwartet. 
Mit der Schule und was ich danach machen kann, das ist eine andere Sache. Aber erst einmal die Papiere zu bekommen… und ohne kann ich nichts machen.

Lisa:
Was würdest du jemanden sagen, der vor der Entscheidung steht einen ähnlichen Weg wie du zu gehen?

Filmon:
Ich kann nicht sagen, dass ist schlecht. Wenn ich das so wissen würde, kann ich nicht kommen. Das ist ganz schlimm. Das ist schwer. 

Zum Beispiel, wenn eine andere Person kommt wie ich, finde ich es nicht gut. Man weiß nicht, ob man es nach Europa oder Libyen schafft. Es ist total schlecht. 
Das ist ganz schwierig. 
Wenn man etwas nicht sieht, kann man nicht darauf vertrauen. Man muss sehen, um zu vertrauen. Wenn jemand einen holen will nach Europa oder Libyen, dass ist nicht gut. 

Lisa:
Also hattest du auch andere Erwartungen von der Reise und der Flucht an sich? Kann man sagen, dass du nicht wirklich wusstest was dich erwartet?

Filmon:
Ich wusste nichts über den Weg. Ich habe vom Sudan nach Libyen einen Monat gebraucht, ohne viel Wasser und Essen. 
Ich habe viele Leute gesehen, viele die gestorben sind. Das ist nicht normal. Ganz schwer. 

Lisa:
Könntest du dir vorstellen, wenn sich die Situation in deinem Land ändert, zurück dorthin zu gehen?

Filmon:
Wenn mein Land frei wäre, kann ich auch in mein Land gehen. Ich möchte nur Freiheit. Zum Beispiel, wenn ich etwas sagen will, dann kann ich das sagen. In Deutschland ist das möglich. In Eritrea kann man das nicht aussprechen. Du kannst nicht über Politik reden. Du kannst keine Nachrichten hören. Du kannst keine Nachrichten über Europa oder ähnliches hören. 

Hier kannst du einfach nach Hamburg gehen und dort arbeiten.
In meinem Land ist das nicht möglich, da darfst du nicht einfach in eine andere Stadt fahren. Wenn du keine Papiere vom Militär hast, kannst du nicht alles arbeiten. 
Wenn du von Äthopien in den Sudan gehst und dich das Militär entdeckt, dann kommst du ins Gefängnis, da das ohne das Papier vom Militär nicht legal ist. 

Lisa:
Also bist du nur frei, wenn du das Papier vom Militär hast?

Filmon :
Ja genau, dann gehörst du zum Militär. 
Wenn mein Land frei ist, ist das kein Problem. Dann kann ich auch in mein Land gehen. Aber wenn ich jetzt zurückgehe, wäre das schlecht. Ich möchte dort sein, wo Freiheit ist. Ich will nur Freiheit. 

Lisa:
Es gibt ja auch viele die Vorurteile haben. Was würdest du denen sagen?

Filmon:
In jedem Land gibt es negative Leute. 
Eine Person gut, eine Person nicht gut. Nicht einfach sofort schlecht denken. Zum Beispiel wenn Leute sagen, dass du Flüchtling bist, dann ist das Wort Flüchtling auch kein Problem. Ich bin ein Flüchtling. Aber nicht einfach negativ oder streiten und ein Problem machen, denn das ist deine Meinung. Das ist eine Person und nicht ganz Deutschland.

Doch das ist nicht nur in Deutschland. Das ist überall. Auch in meinem Land gibt es das. 


Lisa:
Kannst du dich an ein Ereignis erinnern, in der ersten Zeit in Deutschland, welches dich total glücklich gemacht hat?

Filmon:
Ich war in Hamburg und das Camp hat mir Papiere für ein anderes Camp gegeben. Ich kam nicht dorthin. Am Zug war eine Baustelle, ich musste aussteigen und konnte das Camp nicht finden. Eine Frau kam dann auf mich zu und hat mich gefragt, wo ich hin möchte. Ich habe auf Englisch gesagt, dass ich zum Camp muss. Sie hat selber ein Taxi gerufen und das für mich bezahlt. Solche Menschen gibt es auch. Ich habe nur "Thank you" gesagt, weil ich anderes nicht sprechen konnte.

Lisa:
Was ist für dich der größte Unterschied zwischen den Menschen/ Kulturen?

Filmon:
Zwischen Deutschland und Eritrea ist ein ganz großer Unterschied. Zum Beispiel bei Terminen mit der Pünktlichkeit. Das war in meinen Land auch so, aber nicht wie in Deutschland. In meinem Land war das anders. Zum Beispiel hier wenn man nicht kann, gibt man vorher Bescheid. Das finde ich sehr gut. In Eritrea geben die Leute am gleichen Tag Bescheid, wenn sie nicht können. In Deutschland passiert das einige Tage vorher. Das finde ich total gut. So kann ich einen anderen Plan mit Freunden machen. 

Es gibt in meinem Land gute und schlechte Menschen und hier auch. Aber bisher habe ich mit noch keinen schlechten Menschen gesprochen.

Lisa:
Wenn du an deine Zukunft denkst, hast du einen Wunsch?

Filmon:
Ja, meine Zukunft ist, dass ich gut in der Schule bin, weil wenn ich kein gutes Deutsch sprechen kann, kann ich hier nichts machen. Also erst einmal gut Deutsch sprechen und dann will ich eine Ausbildung machen. 

Momentan habe ich ein eigenes Zimmer in einer Wohngemeinschaft vom Jugendamt. Dort wohne ich mit 3 Personen zusammen und wir teilen uns die Küche. 
Aber ich suche meine eigene Wohnung in Unna, nur ist das sehr schwer alleine. 

Ich habe in meiner freien Zeit ein Praktikum gemacht. Erst wollte ich was mit Holz machen, doch dafür habe ich kein Praktikum gefunden. Dann habe ich ein Praktikum als Altenpfleger gefunden und war dort 2 Wochen. Ich habe mich auch für ein Praktikum als Autolackierer beworben, aber wegen Corona war das schwierig. 

Bisher habe ich nur das Praktikum als Altenpfleger gemacht. Ich will verschiedene Berufe ausprobieren, aber dafür muss ich Deutsch lernen. Mein Deutsch ist bisher nicht gut genug. 
Das Praktikum in der Altenpflege war für 2 Wochen und die Leute wollte mit mir sprechen, spielen und lachen. Ich habe geholfen und in den Pausen wollten die Leute mit mir spielen. Wir hatten viel Spaß. 

Einmal hat jemand sein Geld verlegt und die Mitarbeiterin dort wollte, dass ich suchen helfe. Ich habe das Geld gefunden und der Mann war sehr sehr glücklich. Das war schön. 
Ich bin im Berufskollege und das ist sehr gut. Alle sind super, die Lehrer und die Schüler auch. Ich habe keine Probleme.
Ich bin seit 2 Jahren in Deutschland und in der Schule bin ich alleine. Dort ist keiner aus Eritrea. Ich bin sehr glücklich mit den Leuten. Denn so lerne ich besser Deutsch. 
In meiner Schule gibt es beispielsweise viele die Kurdisch miteinander sprechen. Ich will gar keinen aus Eritrea bei mir haben, da ich sonst meine Sprache sprechen würde. Für mich ist das gut. 

 


Vielen Dank, Filmon!

 

Interview mit Lisa Weete

Texterfassung: Lisa Weete

(Beinhaltet Anpassungen von Grammatik; Wortergänzungen und Worterläuterungen)