»Wenn man in Deutschland ist, dann ist man sicher, dass man hier seine Zukunft hat, zu 100%. Hier ist es ganz ruhig, man geht nach Hause, zur Schule, kurz zum Arbeiten, wieder nach Hause, ganz sauberes Leben, ohne Stress, kein Krieg...«

Tafiq erzählt Euch seine Geschichte.

Tafiqs Geschichte
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[Tafiq:]

Ich bin Tafiq T., ich bin erst 18 Jahre alt. Ich komme aus Syrien, bin ohne Eltern hier in Deutschland. Ich mache gerade meinen Abschluss. Also Hauptschulabschluss. Ich war vorher in Bönen, ich habe mit meiner Schwester gewohnt. Sie ist Studentin und ich wohne jetzt alleine in Unna. Ich und meine Schwester sind 2018 nach Deutschland gekommen, vorher waren wir in Syrien. Es war ganz schlimm, Krieg. Jeder weiß das. Wir sind wegen dem Krieg rausgegangen. Wegen dem Krieg haben wir unser Land verlassen. Wir waren zuerst im Irak, danach Türkei, danach Bulgarien, danach Serbien, danach Rumänien, danach Italien, danach waren wir in Österreich und danach in Deutschland. Das hat alles 6 Monate gedauert. Von diesen 6 Monaten war ich 3 Monate im Knast in Rumänien, denn wir sind mit Schmugglern nach Rumänien gekommen, schwarz ohne Papiere, ohne Pass, nichts. Und danach sind wir nach Deutschland gekommen. Wenn man in Deutschland ist, dann ist man sicher, dass man hier seine Zukunft hat, zu 100%. Hier ist es ganz ruhig, man geht nach Hause, zur Schule, kurz zum Arbeiten, wieder nach Hause, ganz sauberes Leben, ohne Stress, kein Krieg, keiner schreit, keiner sagt, was du machen sollst, was du essen sollst. Du machst einfach, was du willst. Aber, was schade ist, ist, dass man ohne seinen Eltern hier ist. Meine Eltern sind jetzt in Syrien. Sie sind ganz alleine da. Nur meine Mutter und mein Vater. Mein Vater ist 65, meine Mutter 60, beide sind krank. Nächsten Monat werde ich meine Eltern sehen, in Irak, dort treffen wir uns, solange das klappt, vielleicht klappt es nicht.

[Oleg, Fluchtwege Unna:]

Du sagst, dass man hier alles machen kann in Deutschland, Schule, Arbeit, ein sauberes Leben. Wie ist das in Syrien?

[Tafiq:]

In Syrien ist das gar nicht so. Zum Beispiel in der Schule: macht man seine Hausaufgaben nicht, kriegt man so krasse Schläge vom Lehrer oder der Lehrerin. Wenn man irgendetwas falsch macht, sagt dir keiner das ist falsch und das ist richtig, nein, sie kommen direkt und schreien: Mach das nicht! Da kriegt man Angst. Also ich will nie, nie wieder nach Syrien zurück. Niemals, Deutschland ist meine zweite Heimat. So wie ich damals meine Heimat geliebt habe, liebe ich Deutschland jetzt mehr. Wir sind vom Staat unterstützt, von der Stadt, zum Beispiel vom Job Center. Wir kriegen unsere Gehälter ganz normal, jeden Monat so 450€. Und die bezahlen für uns die Miete, AOK, die Fahrkarte, Verträge, wenn man sie nicht bezahlen kann. Was wollen wir noch haben? Wir müssen einfach nur zur Schule gehen und erfolgreich sein, sodass wir auch etwas für Deutschland machen können. Immer Deutsch lernen, das bringt was, wenn man deutsch lernt in Deutschland. Das ist ganz gut.

[Oleg:]

Ich verstehe auf jeden Fall, wieso du weg wolltest und deine Schwester wollte auch?

[Tafiq:]

Meine Schwester war Lehrerin in Syrien. Aber ihre Universität ist geschlossen worden wegen dem Krieg. Und hier studiert sie jetzt im medizinischen Bereich, glaube ich. Und mein großer Bruder ist jetzt auch in Deutschland, er ist 2019 nach Deutschland gekommen, er ist mein ältester Bruder und heißt Chia, ist 31 Jahre alt. Vorher war er in Ukraine. Und er war 15 Jahre. Er hat da studiert und seinen Meister gemacht und alles und dann ist er auch nach Deutschland gekommen. Er geht gerade zur Schule und macht C1. [Sprachniveau] Das ist eigentlich ganz gut, nach C1 kann man zur Universität gehen. Und mein mittlerer Bruder ist ein Soldat in Amerika und meine große Schwester ist auch in Syrien, aber in einer anderen Stadt, ist auch Lehrerin, Biologielehrerin. Meine Mutter ist Schulleiterin und mein Vater ist im Einzelhandel tätig. Wir sind nach Deutschland gekommen nicht wegen dem Geld oder wegen Hunger oder so etwas, nein, nur wegen dem Krieg. Wir wollten nicht sterben. Wir waren in Syrien eigentlich auch ganz gut [wohlhabend], wir hatten mehrere Häuser, mehrere Autos. Das Geld war nicht unser Problem, der Krieg war unser Problem.

[Oleg:]

Wie habt ihr euch dafür entschieden, dass ihr aus Syrien raus wollt?

[Tafiq:]

Wir haben nicht entschieden, dass wir direkt nach Deutschland kommen. Wir wollten einfach nach Europa, denn in Europa ist kein Krieg. Man kann hier viele gute Sachen machen. Am Freitag, dem 27.7.2017, wollte ich raus gehen, das war gegen 14 Uhr, und etwas vom Restaurant abholen. Denn meine Mutter war krank und konnte nicht kochen. Ich wollte einfach etwas zu Essen kaufen und wieder nach Hause. Ich habe ein Taxi bestellt, denn es war zu heiß, 40° und auf einmal haben wir komische Geräusche gehört: "bzzzzzz". 2, 3 Sekunden nach diesem Geräusch kam ein "BAM"! Das war eine Bombe, das war eine riesige Bombe, das war unnormal! Und an diesem Tag haben wir entschieden, dass wir unser Land verlassen. Denn zwischen mir und dieser Bombe waren 500 oder 600 Meter. Wegen dem Staub hatten wir noch genug Abstand zwischen der Explosion, ansonsten wären wir vielleicht gestorben. Ich weiß es nicht, nur Gott weiß das. An diesem Tag haben wir es entschieden, am nächsten Tag sind wir raus gegangen. Wir haben Syrien verlassen. Seit 2011 gibt es keine Schule in Syrien, also keine Schule, keine Zukunft, keine Arbeit, keine Familie, nichts.

[Oleg:]

Du und deine Geschwister haben dann entschieden, dass ihr fliehen wollt?

[Tafiq:]

Mein Bruder hatte ein persönliches Problem, weswegen er nach Deutschland gekommen ist. Denn Ukraine ist ein armes Land, wo man nicht arbeiten kann. Meine Schwester wollte weiter studieren, denn sie war im letzten Semester. Ein Semester noch und sie wäre Lehrerin geworden. Das hat nicht geklappt, 5 Jahre zur Universität gegangen und am Ende: nichts. Deswegen wollte sie noch weiter machen. Und ich war das kleinste Kind zu Hause. Mein Vater wollte nicht, dass sein Kind stirbt. Und was soll ich da machen? Keine Schule. Ich wollte auch eine Zukunft haben, genau wie meine Geschwister. Einer ist Soldat, eine ist Lehrerin, der andere ist auch Lehrer und so weiter.

[Oleg:]

Du sagtest, an dem einen Tag, als du die Bombe gehört hast, am Tag danach seid ihr gefahren. Wie war das?

[Tafiq:]

An diesem Tag, Freitag, hat mein Vater mit seinem Kollegen gesprochen, telefoniert. Sein Kollege war ein Schmuggler, ein alter Klassenkamerad. [???] Und sie haben gesagt "Kein Problem, wie viele Personen sind das?". Wir waren 27 Leute. Wir sind in eine Stadt gefahren, neben der Grenze von Irak, den Stadtnamen habe ich vergessen. Als wir rausgegangen sind wurden wir zur nächsten Person geschickt, die uns wiederum zu der nächsten Person geschickt hat. Und das ging so lange weiter, bis wir in Deutschland waren. Wir haben auch voll viel dafür bezahlt, 27.000€. Das ist eine Menge Geld.

[Oleg:]

Wart ihr lange im Irak?

[Tafiq:]

Zwei Tage lang waren wir in Irak.

[Oleg:]

Und die Fluchtroute habt ihr im Auto zurückgelegt?

[Tafiq:]

Neeee, zu Fuß. Das hat ja drei Monate gedauert. Wir sind nicht komplett zu Fuß, aber zwischen den Grenzen waren wir zu Fuß unterwegs, also 140km, ist nicht so wenig. 200km zu Fuß, das dauert Wochen und Tage. Wir waren zwei Wochen in Bulgarien in einem Wald. Wir hatten nichts zu Essen und Trinken, wir haben Blätter gegessen von Bäumen. Nachts haben wir immer komische Geräusche gehört. Wir hatten immer Angst. Wir hatten kleine Kinder dabei, manche sind in diesem Wald verloren gegangen. Am Anfang waren wir 27, am Ende waren wir 9. Keiner weiß, wo die anderen sind. Manche haben ihre Babys und kleine Kinder da gelassen, denn sie konnten nicht mehr. Manche sind gestorben im Fluss und im Meer. Wir haben voll viele schlimme Sachen gesehen. Da war die Mafia, die hatten alle Pistolen. Wir konnten nicht einmal Nein sagen. Wenn jemand nein gesagt hätte, hätten sie uns sofort erschossen. Wenn sie uns erschossen hätten, hätte es keinen gejuckt. Wir haben am Anfang das Geld bezahlt. Ob sie uns dann erschießen oder nicht, scheißegal. Keiner hätte je erfahren, dass wir gestorben sind. Ganz einfach.

[Oleg:]

Ich habe viele Fragen, ich weiß nicht genau, was ich dich fragen kann, das ist ein sehr emotionales Thema. Es ist verrückt, was du durchgemacht hast und die anderen.

[Tafiq:]

Frag ruhig.

[Oleg:]

Du warst drei Monate im Knast?

[Tafiq:]

Ja, in Rumänien. Die haben unsere Knochen gebrochen, hier in der Brust [zeigt auf seine Brust]. Eigentlich ist Rumänien in Europa und es ist verboten, Kinder zu schlagen. Da in Rumänien gibt es keine Menschlichkeit. Überhaupt nicht. Wir haben im Knast zum Frühstück zwei Toast gegessen und zu Mittag gab es irgendwelchen Reis in einem kleinen, kleinen Becher und abends gab es nichts. Und das drei Monate lang. Ich wog ca. 45Kg, ich war sehr dünn. Die haben unsere Sachen genommen. Handys, Geld, Pass, Aufenthaltspapiere, was da wichtig ist. Medizin, Tabletten, Schmuck, Uhren. Ich hatte eine Rolex-Uhr an der Hand, die haben sie weggenommen. Sie haben viele Sachen genommen. Sie waren genau wie Diebe, sie hatten weniger von Polizisten als von Dieben. Sie haben eine Frau vergewaltigt im Wald. Wir haben gehört, wie sie vergewaltigt wurde.

[Oleg:]

Wie seid ihr dann da wieder rausgekommen?

[Tafiq:]

Wir haben Geld bezahlt. Deutsche Vitamine, wir sind raus. Eigentlich hätten wir drei Jahre dort bleiben müssen im Knast. Wir durften pro Monat einmal mit der Familie reden. Wir haben mit meinem Vater geredet. Und Gott sei Dank wussten wir, wo wir sind, in welcher Stadt, welche Straße, Hausnummer und alles. Das haben wir meinem Vater gesagt und dann hat er mit jemandem gesprochen und durch Beziehungen und Kollegen und Geld, Geld, Geld...Auf einmal haben sie unsere Namen gerufen und wir sind dahingegangen. Dann haben sie gesagt, nehmt eure Sachen und geht weg. Wohin weg und wie? Egal, geht hier weg oder ihr kriegt gleich Schläge. Wir sind einfach weg gegangen. Da war ein Araber aus Syrien. Der heißt Mohammed []. Auch jetzt noch kenne ich seinen Namen. Er hat mich so kaputt geschlagen. Er so: du bist Kurde? Ja, ich bin Kurde. Und ihr habt kein Land, ne? Nein, wir sind landlos. Er hat uns so kaputt geschlagen, unnormal. Ich war 13 oder 14. Denn die Araber sind so rassistisch, also nicht komplett, aber schon genug. Auf meinem Pass steht, dass ich aus Syrien komme und er ist auch Syrer, trotzdem schlägt er mich. Er hat mich mit einem Aschenbecher geschlagen, einem aus Glas, einem großen.

[Oleg:]

Wie war das danach, als ihr dann da weg gegangen seid aus dem Knast?

[Tafiq:]

Wir sind einfach in die Stadt gegangen, zum Zentrum. Da haben wir ein Handy und eine Sim Karte gekauft. Der Verkäufer hat uns voll verarscht [lacht]. Er hat ein kleines Handy für 500€ verkauft. Egal, wir haben mit unseren Eltern gesprochen: „Papa, Mama wir sind gesund, wir sind jetzt raus. Danke Papa. Und jetzt was sollen wir machen? Wir bleiben nie in Rumänien. Rumänien ist echt scheiße, hier können wir nicht bleiben. Das ist ein armes Land. Man kann hier nicht so sicher leben." Ja, mein Vater hat gesagt: „was soll ich jetzt machen. Ich muss einen Weg für euch finden.“ Das hat drei Tage gedauert. Wir waren drei Tage lang auf der Straße, auf einer Bushaltestelle. Was sollten wir machen? Draußen war es sehr kalt. Danach hat er uns angerufen. Er hat uns immer angerufen. Es war abends. "Wo seid ihr? könnt ihr ein Foto machen?" Wir haben gesagt, "Papa, unser Handy ist alt, es hat keine Kamera." Wir haben ihm Straßennamen und so weiter geschrieben als SMS und nach ca. 5 Stunden kam ein Mann mit einem Vollbart. "Bist du Tafiq T.? Der Sohn von Izaq T.?" Und ich so: "Ja, mein Vater heißt Izaq." Er so:" Steig jetzt ein, das ist mein Taxi." Und dann sind wir da weg gegangen.

Wir waren an der Grenze. Wir sind ungefähr 11 Stunden gefahren mit einem gelben Taxi. Also zumindest sah es aus, wie ein ganz normales Taxi, damit niemand weiß, dass Flüchtlinge drin sind. Wir sind zu einer Stadt gegangen, die neben der Grenze war. Da sind wir in ein LKW gestiegen für Lebensmittel und da drin war es so kalt! Ungefähr -5 Grad. Wir hatten dicke Jacken an, heißen Tee und so weiter, damit wir nicht sterben [lacht]. Es hat drei Tage gedauert, bis wir in Österreich waren. Da haben wir auch gezahlt. Jede Person 3000 Euro für die Fahrt von Rumänien nach Österreich. Der Mann mit dem Vollbart hat uns zu einem anderen Mann geschickt, der uns dann nach Deutschland gebracht hat. Alles schwarz. Die erste Stadt, in der wir in Deutschland waren, war Mönchen Gladbach. Danach sind wir nach Hannover, in Hannover haben wir Fingerabdrücke abgegeben. Danach waren wir in Hamm-Heesen, nicht weit weg von hier [Unna]. Danach waren wir in einem Heim in Ahlen und danach haben wir ein Haus in Bönen gefunden, eine Schule in Unna gefunden. Und jetzt wohne ich in Unna seit zwei Monaten. Und jetzt läuft alles gut. Genau wie damals. Wie damals vor 2011. Kein Stress, ganz relaxed.

[Oleg:]

Möchtest du mir von der Zeit vor 2011 mehr erzählen? Wie war das? Du bist ja 2003 geboren?

[Tafiq:]

Ja, eigentlich 2002, aber auf den Papieren steht 2003. Vorher war alles super. Ich war in einer Privatschule in der fünften Klasse. Ich bin immer um 7 Uhr aufgestanden, bin mit dem Taxi zur Schule gefahren. War wieder um 16 Uhr zu Hause. Mein Vater ist dann von der Arbeit gekommen, mein Mutter von der Schule. Meine Geschwister waren 2011 noch im Abitur und waren auch noch jung. Die waren auch erst 18 oder 19. Und meine anderen beiden Brüder waren in der Ukraine, seit 15 Jahren. Jetzt ist einer in Amerika und einer in Deutschland, wie ich schon erzählt habe. Damals war es ganz gut. Es war einfach perfekt. Wir hatten alles. Wir haben auch jetzt noch alles, aber keiner Nutzt diese Sachen. Sie sind einfach da. Damals konnte man einfach um 12 Uhr raus gehen ohne Angst, wir waren sicher. Aber jetzt ist es verboten in Syrien ab 8 oder ab 7 Uhr rauszugehen, weil es echt gefährlich ist. Es gibt da jetzt viel Mafia, Terroristen, Bomben usw. Aber was ich sagen wollte: Damals war es gut, trotzdem haben wir unseren Präsidenten nicht geliebt oder so. Wir hassen ihn bis jetzt. Aber es war ganz gut. Und die Leute in Syrien waren ein bisschen rassistisch. Wir sind Kurden und sind Araber, weit weg von unserem Land. Aber wir sind trotzdem nicht raus gegangen. Was wir hatten war mehr, als die Araber haben. Aber, was sollen wir machen? Der Krieg hat alles geändert.

[Oleg:]

Wie hast du damals den Krieg zum ersten Mal erlebt?

[Tafiq:]

Schwer. Es war ganz schwer. Zum ersten Mal habe ich vom Krieg im Fernseher gehört und gesehen. Die Soldaten von Assad töteten einfach Menschen auf der Straße. Und das haben wir als Video gesehen. Und wir haben eine Phobie bekommen. Eine Angst vor lauten Stimmen oder lauten Geräuschen oder einfach vor der Polizei auf der Straße. Das war nicht normal. Keine Ahnung, ob nur ich das Gefühl hatte, dass das nicht normal ist. Vielleicht weil ich damals ein Kind war oder ich weiß nicht. Das ist nicht gut. Selbst jetzt, wenn ich die Polizei sehe auf der Straße in Deutschland, denke ich die ganze Zeit, die kommen jetzt zu mir. Die fragen nach meinem Ausweis oder fragen, ob ich irgendetwas in der Tasche habe. Ohne, dass ich etwas gemacht habe.

[Oleg:]

Hast du noch Kontakt zu deinen Eltern?

[Tafiq:]

Ja, habe ich. Wir haben vor einer Stunde telefoniert. Wir haben bis jetzt Kontakt. Im nächsten Monat treffen wir uns im Irak.

[Oleg:]

Trefft ihr die da oder wollt ihr die auch mitnehmen? Besteht da überhaupt eine Chance dafür? Oder dass sie im Irak bleiben?

[Tafiq:]

Nein, meine Eltern kommen nicht mit nach Deutschland. Mein Vater arbeitet in Syrien. Er hat alles in Syrien. Er hat nichts im Irak. Unsere Firma etc. ist in Syrien. In kurdischen Städten. Dafür gibt es keine Chance. Er kann nicht alles auf einmal verkaufen, es ist zu viel, keiner würde direkt so viel bezahlen. Es gibt keine reichen Menschen mehr in Syrien. (...) Sie können auch nicht nach Deutschland fliegen, denn man bekommt kein Visum. Also bleiben sie da. Entweder gehe ich nach Syrien und bleibe mein restliches Leben da oder sie kommen. Aber sie können nicht kommen.  Und ich gehe auch niemals nach Syrien zurück. Niemals. Ich hasse Syrien.

[Oleg:]

Du hast erzählt, dass ihr den Präsidenten nicht liebt. Gibt es denn irgendeine Möglichkeit politisch etwas zu tun?

[Tafiq:]

Nein überhaupt nicht, Assad bezahlt für jeden, damit sie nicht reden. Er hat seine Leute verkauft. Er hat sein Öl verkauft. (...) Und seine Ehre auch. Er hat alles verkauft, damit er Präsident bleibt. Er hat voll viele Menschen getötet. Nur, um Präsident zu bleiben. Zum Beispiel zahlt er so viel für Erdogan, er zahlt so viel für Amerika, Iran, Irak, Russland, Putin. Wir haben so viel Öl in Syrien, so viel Öl. Wir könnten so ein reiches Land sein, genau wie Dubai und so weiter. Aber wir haben noch nichts gesehen. Man kann nicht zwei Mal im Monat sein Auto volltanken, weil es so teuer ist. Es gibt kein Öl da, die verkaufen das alles. Assad lässt Erdogan einfach nach Syrien kommen und Land nimmt, er macht die Grenze noch größer. Denn jeder weiß, dass Türken gegen Kurden sind. Die Türken haben so ein starkes Land und die Kurden haben nichts. Wir wollen auch ein Land haben. Wir sind 85 Millionen Kurden. Genau wie Deutschland. Warum haben wir kein Land, warum? Warum lebt einer in Amerika, einer in Russland, einer lebt in...keine Ahnung. Sie leben überall. Nur wegen Erdogan. Zum Beispiel haben 90% aller Kurden keinen Kontakt mit Türken. Wir haben keinen Kontakt mit Türken. Nicht, dass wir Rassisten sind, nein. Wir wollen einfach keinen Kontakt mit Türken haben. Denn sie sind immer unsere Gegner und...keine Ahnung. Sie haben das gemacht. Vorher haben sie nichts gemacht und auf einmal sind sie unsere Gegner. Wir haben nichts. Wir sind Kurden, wir haben kein Land, wie sollen wir uns schützen? Sollen wir uns mit den Arabern schützen oder was? Zum Beispiel hat Türkei unsere Stadt mit chemischen Raketen angegriffen. 1500 Kinder sind gestorben. Für was? Was willst du? Willst du Öl, dann nimm das Öl und verpiss dich! Das ist halt so.

[Oleg:]

Ist deine Schwester jetzt noch in Bönen? Wie kamst du dazu nach Unna zu ziehen?

[Tafiq:]

Weil meine Schule hier ist. Und ich habe hier eine kleine Wohnung genau in der Stadt gefunden. Genau in der Stadt, guter Ort. Und ich habe einfach mit dem Job-Center gesprochen, die haben gesagt, kein Problem, wir bezahlen das. Sobald du zur Schule gehst, machen wir alles für dich. Das hat ein bisschen lange gedauert, drei Monate oder so. Am Ende hat es geklappt.

[Oleg:]

Deine Wohnung gefällt dir, gefällt dir auch Unna?

[Tafiq:]

Ja, es gibt alles hier. Kleine Stadt, schöne Stadt. Meine Kollegen sind auch in der Stadt. Hier in Unna meine ich. Ja, kein Stress. Ich geh nicht so oft raus. In der Woche zwei Mal.

[Oleg:]

Was hast du sonst für ein Bild von Deutschland im Allgemeinen?

[Tafiq:]

Ist ein soziales Land. Egal, wo man in Deutschland wohnt, oder wie lange oder was man arbeitet oder nicht, man wird nie verhungern. Nie. Man muss nicht auf der Straße leben oder da schlafen. Und man kann immer seine Meinung sagen, egal was für eine Meinung. Egal. Auch, wenn niemand zuhört, aber trotzdem kriegt man keinen Ärger. Ich sag nicht, dass Deutschland das beste Land ist. Deutschland ist schon gut, eins der besten. Die Regeln hier sind schwer, echt schwer. Egal, wo du hin gehst, du musst unterschreiben und Papiere abholen, dies, das. In eine andere Stadt, zur Ausländerbehörde. Das ist ein bisschen kompliziert, aber ist auch egal. Das ist irgendwann auch vorbei.

[Oleg:]

Was hast du für einen Eindruck von den Menschen in Deutschland?

[Tafiq:]

Wenn ich den Leuten nichts tu, dann tun sie mir auch nichts. Sie machen auch nichts. Wenn ich keinen Stress mache, dann kommt keiner und macht Stress. Niemand. Also jeder macht seine Arbeit und geht nach Hause. Kümmert sich um seine Familie und sich selbst, mehr nicht. Sie sind nicht so aggressiv, sie haben immer Geduld ohne Ende. Und das ist gut. Und wenn jemand redet, hören sie zu. Wenn jemand ein Problem hat, von welchem er erzählt, hören sie zu. Und das ist gut. Das ist positiv. Auch, wenn sie nichts machen, hören sie mindestens zu und sie respektieren das, was man erzählt.

[Oleg:]

Gibt es Orte in Unna, unabhängig von der Schule, wo du häufig hingehst?

[Tafiq:]

Zum Beispiel zum Friedhof. Da ist es immer so ruhig. Natürlich nicht abends. Wenn es dunkel ist, dann geh ich nicht auf den Friedhof. Manchmal zum Spielplatz für Kinder, da sitz ich manchmal da. Manchmal gehe ich in den Wald, joggen. Und es gibt hier so einen kleinen Berg, da rauche ich mir eine und gehe wieder nach Hause. Oder manchmal fahre ich Fahrrad durch die Stadt. Ein bisschen Chillen, was soll man machen? Manchmal gehe ich in die Fußgängerzone hier am Bahnhof. Manchmal gehe ich in die Kirche und manchmal in die Moschee. Einmal hier zuhören und einmal hier zuhören. Was gibt es hier, was hier. Ich mache mir das immer so unterschiedlich.

[Oleg:]

Das ist ja interessant. Welche Rolle spielt Religion in deinem Leben?

[Tafiq:]

Keine. Ich glaube an Gott. Aber nur an Gott und mehr nicht. Beten und so etwas tu ich nicht. Ich finde, wenn man ein gutes Herz hat und keine schlimmen Sachen macht, reicht das schon. Sauberes Herz. Wenn ich allen Leuten nichts tu, dann ist alles gut. Was bringt es mir, wenn ich ein strenger Muslime oder strenger Christ bin, wenn ich am Ende des Tages so viel Stress verursacht habe? Was bringt das?

[Oleg:]

Was glaubst du, wie wird dein Leben in den nächsten Jahren aussehen?

[Tafiq:]

Nächstes Jahr mache ich zum Beispiel eine Ausbildung. Das ist auch gut. Also in den nächsten 10 Jahren werde ich schon eine Frau haben und Kinder, ein Haus, ein Auto, eine feste Arbeit, den deutschen Pass auf jeden Fall. Ich glaube, es wird alles ganz gut, ganz gut.

[Oleg:]

Hast du besondere Wünsche?

[Tafiq:]

Ja, dass meine Eltern irgendwann nach Deutschland kommen. Dass wir irgendwann zusammen leben. Ohne Eltern zu leben ist echt...hart! Zum Beispiel gibt es manche, die sagen, man kann ohne Eltern leben. OK, man kann ohne Eltern leben, aber nicht jahrelang, ohne die Eltern zu sehen. Ich habe meine Eltern sehr lange nicht mehr gesehen. Zum Beispiel, wenn sie in Deutschland sind, aber in einer anderen Stadt, das ist kein Problem, sie an einem Wochenende, alle zwei/drei Tage, jeden Monat oder alle 6 Monate, das geht auch, [zu besuchen]. Aber nicht über Jahre. Das ist nicht gut. Und sie sind jetzt in einem Land, in dem Krieg ist. Man denkt die ganze Zeit, was passiert da und was wird in den nächsten Tagen passieren?

[Oleg:]

Gibt es noch irgendetwas, was du erzählen möchtest?

[Tafiq:]

Eigentlich war es das. Hast du noch irgendwelche Fragen?

[Oleg:]

Mich interessiert natürlich sehr brennend die ganze Fluchtroute. Jedes Land, in dem du warst, welche Eindrücke du hattest.

[Tafiq:]

Im Irak waren wir in einem kurdischen Gebiet. Am Anfang waren wir eine Gruppe, wir waren 27 Leute. Wir waren alle in einem Wohnzimmer, das war so ein riesiges Zimmer. Wir durften zwei Tage lang nicht raus gehen, damit die uns sehen oder uns erwischen kann. Wir waren in einer Stadt, die Stadt heißt Dahouq, sie war nah an der Grenze. Egal, wo wir hinfahren, wir mussten in eine Stadt, die nah an der Grenze ist, damit wir direkt in das andere Land gehen können. In der Türkei waren wir in Izmir, glaub ich. Zuerst in Istanbul, danach in Izmir. Da waren wir auch ein paar Tage. Ich will nicht darüber reden, was wir da gemacht haben. Danach sind wir nach Bulgarien gegangen, nach Sofia, Hauptstadt. Da sind wir in einem Dorf zwei, drei Wochen geblieben. Denn es gab keinen Weg. Das Wetter war schlecht, windig und so weiter. Danach sind wir nach Serbien gegangen. In Serbien war es ganz gut. Da sind wir auch zwei Wochen geblieben, in einem Hotel. Da war es ganz gut, wir sind raus gegangen. Wir sind Ski gefahren, haben gechillt. Wir haben da Party gemacht. Wir sind ins Restaurant gegangen, haben Pizza gegessen. Das war eigentlich ganz gut. Danach nach Rumänien, große Katastrophe, einfach Katastrophe. Danach nach Österreich, nach Wien. Wir sind da nicht lange geblieben, nur 5-6 Stunden. Dann ist ein Mann gekommen, der hat uns abgeholt. Wir sind nach Deutschland gekommen, nach Mönchen Gladbach. An diesem Tag sind wir zu einem Bekannten gegangen, obwohl wir keine Papiere hatten. Aber wir sind trotzdem zu einem Bekannten gegangen. Das ist auch gegen die Regeln, dass man schwarz in Deutschland ist, ohne Papiere, da kriegt man Probleme. Am Anfang sind wir eine Woche da geblieben. Und danach haben wir unsere Fingerabdrücke in Hannover abgegeben, damit sie uns nach Nordrein-Westfalen schicken. Denn meine Tante ist da. Sie ist in Bielefeld.

[Oleg:]

Ist deine Tante schon lange in Bielefeld?

[Tafiq:]

Sieben oder Acht Jahre.

[Oleg:]

Eigentlich habe ich keine Fragen mehr. Vielen Dank, dass du so offen warst und ich finde es sehr emotional, was du da erlebt hast.

[Tafiq:]

Aber das ist jetzt alles Vergangenheit. Schon alles vorbei.

[Oleg:]

Schön, dass du das so siehst. Schön, dass du in die Zukunft blickst. Ich sehe auch schon, du hast Träume und Wünsche. Ich hoffe, dass das alles in Erfüllung geht!

[Tafiq:]

Danke, danke, danke!