Flucht aus dem Libanon

Interview: Elias Nassour, 34 Jahre alt, geflohen aus dem Libanon, zunächst in Münster und Rheine, dann in Unna – lebt und macht eine Berufsausbildung in Unna

Interview mit Michael Koch am 13. September 2021; Texterfassung von Michael Koch (Anpassungen von Grammatik; Wörterergänzungen und Worterläuterungen in Klammern)

 

 

Michael Koch: Als erstes würde ich gerne wissen, wie hast Du im Libanon gelebt, bevor Du nach Deutschland gekommen bist, was hast Du gemacht, wie ist es Dir ergangen?

Elias Nassour:

Ich wurde in Syrien geboren. Meine Mutter ist Syrerin, mein Vater ist Libanese. Aber er wohnte in Syrien. Als ich zehn Jahre alt war, sind wir nach dem Libanon umgezogen. Ich habe gelernt, studiert im Libanon. Ich habe Geschichte studiert, dann habe ich auch gearbeitet in einer Bibliothek. Drei oder vier Jahre. Dann habe ich auch als Lehrer gearbeitet. Und zwei Jahre auch in einer NGO in der Forschung - also politische Forschung - gearbeitet.

Ich hatte immer Interesse an Politik, weil, ich habe Geschichte und Politik studiert. Politik (aber) nicht abgeschlossen. Aber Geschichte doch. Weil, ich hatte immer diese Liebe für Politik und für Engagement. Und weil die Lage im Libanon immer schlechter geworden ist seit 2005, nach dem assassinat (frz.=Attentats-Mord) am Premierminister Harriri (Rafiq al-Harriri). Und auch vor dem Anschlag mit der syrischen Besetzung, der syrischen Armeebesetzung des Libanon. Nach 2005 war ich 18 Jahre alt. ich war sehr aktiv bei Demonstrationen gegen die syrische Armee im Libanon.

Aber ich war noch jung, hatte keine richtige politische Erfahrung. Wir hatten immer diese Hoffnung, dass die Situation nach dem syrischen Austritt (Rückzug) aus dem Libanon würde es besser sein, ein Bisschen mehr Unabhängigkeit - also politisch – mehr Hoffnung für junge Leute, also eine gute politische Lage. Aber dann kam der Krieg 2006 zwischen Hisbollah (Hizbullah; eine radikale islamisch-schiitische Partei und bewaffnete Miliz im Libanon) und Israel und das hat die Lage im Libanon zerstört: Also wirtschaftlich, aber auch politisch. Und ab 2007 und 2008 hat die Hisbollah komplett die politische Situation im Libanon kontrolliert.

Nach 2008 gab es einen kleinen Krieg in Beirut (Mount Libanon) zwischen Hisbollah und den anderen Parteien. Aber die Situation ist immer schlechter geworden – zwei Jahre ohne Präsidenten. Dann gab es einen neuen Präsidenten mit einer Regierung und das alles hat die Situation schlechter gemacht. Während dieser Zeit habe ich mein Studium abgeschlossen. Ich habe gearbeitet, aber ich war nicht aktiv in der Politik. Bis 2011 gab es – also mit dem Anfang des »Arabischen Frühlings« auch eine kleine Bewegung in Libanon, um einen säkularen Staat zu entwickeln, von jungen Leuten. Etwa 30.000 Demonstranten waren auf den Straßen.

Ich war auch auf manchen Demonstrationen. Aber im Libanon als junger Mensch musst Du immer viel, viel arbeiten, weil es keine (finanzielle) Unterstützung gibt, entweder vom Staat oder Regierung, um die Jugendlichen zu Unterstützen. Wenn sie studieren – wir müssen also zwei oder drei Jobs machen um zu leben, wenn Du keine richtige Unterstützung hast. Deswegen war ich viel aktiv aber ich hatte immer dieses Interesse. Weil – ich musste viel arbeiten. In 2014 war meine erste politische Beteiligung. Weil die letzten Parlamentswahlen im Libanon war 2009. Dann von 2009 bis 2018 hat das Parlament (ohne neu gewählt zu werden) immer sein Mandat (Legislaturperiode ohne neue Wahlen) verlängert. Viele Jugendliche hatten niemals die Chance ihr demokratisches Recht zu haben (auszuüben), wählen zu gehen. Und 2014 war die zweite Verlängerung des Mandats des Parlaments. Wir gingen auf die Straße, viele Aktivisten, viele politische Gruppen aus der Zivilgesellschaft, wir haben demonstriert gegenüber dem Parlament. Wir hatten nicht das Recht auch neben dem Parlament zu sein, weil der Chef des Parlaments ist auch Chef der Miliz Amal (die schiitische »Amal« ist zugleich auch eine Partei und Bewegung). Er ist Chef des Parlaments seit 20 Jahren. Er ist wie ein Diktator. Es ist nicht erlaubt, zum Parlament zu gehen, um dort zu demonstrieren. Wir hatten eine Konfrontation mit der Polizei, mit der Armee. Dort habe gemerkt, ich möchte etwas für mein Land tun oder für unsere Demokratie oder für Jugendliche. Und mehr aktiv sein. Weil – so geht es nicht mehr. Ich möchte mein Recht haben. Weil ich viel Liebe habe für mein Land, für meine Heimat, meine Kultur. Und ich glaube an Demokratie und an Menschenrechte. Aber die Situation war immer schlechter geworden. Wir sind wie eine zweite Kopie der syrischen Regierung geworden. Und das war der Fehler von allen politischen Parteien im Libanon. Auch die, die gegen die syrische Besetzung waren, auch die haben diese politische Eskalation mitgetragen.

Dann in 2015 gab es eine große Müllkrise im Libanon. Das war ein Ergebnis von der sehr schlechten Müll-Politik im Libanon. Also (es ging darum), wie man Müll deponiert. Überall auf den Straßen von Beirut und überall im Libanon Müll, überall – das war gesundheitlich sehr schlecht für die Menschen, für das Klima, aber auch für unser Selbstbild als Jugendliche, als Libanesen. Dann waren wir am Anfang etwa 20 Leute auf der Straße, so spontan. Diese Bewegung hat sich sehr schnell entwickelt, eine politische Gruppe hat sich entwickelt und die heißt »Youstink« um zu zeigen, dass die Regierung und die politischen Partei(en) »stinken«, wegen Korruption, wegen all dieser schlechten Politik.

Diese Bewegung war die erste richtige politische Bewegung im Libanon, die keine Konfession hatte. Die gehörte nicht zu einer Partei oder Konfession oder Scheich oder Kirche, sondern (war) wirklich säkular und von verschiedenen oder unterschiedlichen politischen Orientierungen. Sie hatte ein Hauptziel: Gegen Korruption zu kämpfen aber auch für Demokratie. Darin war ich sehr aktiv. In August 2015 waren 20.000 Menschen auf den Straßen, (es) war zum ersten Mal eine so große Demonstration (dieser Gruppe).

Am 1. September 2015 habe ich mit meiner politischen Gruppe, habe ich das organisiert: Ich war Teil von 20 oder 25 Leuten. Wir haben das Umweltministerium besetzt, den ganzen Tag, um den Minister, den Environment-(Umwelt) Minister, damit er austritt (zurücktritt), weil er hat (es) nicht geschafft eine gute Müll- bzw. Klimapolitik zu machen. Wir waren am Ende des Tages, alle Medien waren weg, (dann) wurden wir von der Polizei geschlagen. Manche waren im Gefängnis, manche waren in Krankenhäusern, wegen der Schläge der Polizei. (...) Dann wurde ich gewählt als Mitglied in die Hauptgruppe dieser politischen Gruppe. Ab 2016 war ich sehr engagiert in der Kooperation mit verschiedenen politischen Gruppen. Diese haben viele Demonstrationen bis 2017 gemacht. Gegen die Regierung, gegen Steuern, gegen Wohnpolitik gegen die Verlängerung des Parlaments (der Legislaturperiode). (...) Ja, das war eine Zeit hohen politischen Engagements für mich zwischen 2015 und 2017. Aber die Situation hat sich immer mehr verschlechtert. Ich habe mit der Zeit die Hoffnung verloren, weil die Regierung, die Armee, die Polizei, die Parteien, die Milizen haben immer mit viel Gewalt unserer Aktionen konfrontiert. Jugendliche, Aktivisten wurden auch für einen kleinen Status(-Eintrag) auf Facebook immer zum Gericht geschickt und (dann) ins Gefängnis. Ich kenne auch Leute, die waren threathend (engl.=bedroht worden) von Parteien und manche waren tot (wurden getötet) bei den Demonstrationen. Und die Menschenrechte und die Demokratie sind immer schlechter geworden.

Dann 2016 wurde der Präsident, ein neuer Präsident, gewählt, nach dem es zwei Jahre keinen Präsendeten gab. Und der Präsident war ein großer allié (frz.=Verbündeter) der Hisbollah. Er ist (...) manipuliert von der Hisbollah, er machte alles, was die Hisbollah wollte. Und das war für mich ein Ende (Orig. »end of the story« – es war Schluss für mich), weil ich wollte niemals in einem Land leben, dass von einer Partei wie der Hisbollah beherrscht wird. Ich liebe meine Heimat aber ich weiß, dass wir (sind) wie ein zweites Syrien oder wie (bei der) Taliban. Sie haben vielleicht ein etwas besseres Gesicht wie die Taliban, aber sie sind wie Taliban oder wie Al-Qaida - aber nur (mit) anderer Konfession (Taliban und Al-Qaida sind sunnitisch, die Hisbollah schiitisch).

 

Michael Koch: Wie hat sich Deine Ausreise - Deine Flucht nach Europa gestaltet?

 

Elias Nassour:

Ende 2016 habe ich meine Entscheidung getroffen, weil wir – ich und meine Gruppe – wurden immer verfolgt von der Polizei. Weil ich auch Französischlehrer war, war es für mich einfacher ein Visum zu kriegen. Dann habe ich alles vorgeplant. Was wichtig war: Meine Mutter. Diese wohnte in Syrien, diese ist Syrerin. Weil, in Syrien war es noch schlimmer und schlechter. Das war für mich auch ein anderer Grund, weil ich wollte, dass meine Mutter von Syrien rausgeht (flieht). Für mich war es sehr schwierig, sie zu besuchen, weil, ich wurde auch sehr schlecht (an-)gesehen von der syrischen Regierung und vom service intelligence in Syrien (frz./engl. – gemeint ist der Geheimdienst).

Wenn ich meine Mutter besuchen wollte war ich immer »geheim« und (ich fragte mich, wie) könnte ich meine Mutter nach dem Libanon bringen. Die Situation war nicht gut. Dann habe ich alles vorgeplant. Ich habe meine Mutter nach Deutschland geschickt. Dann habe ich auch alles im Libanon fertig gemacht – meine Arbeit. Ich habe bis (in die) letzte Woche vor meiner Einreise immer meine politische Arbeit gemacht mit meiner Gruppe. Eine Woche vor meiner Einreise war ich bei einer Demonstration, eine Aktion mit meiner politischen (Gruppe). Dann bin ich mit einem Visum nach Europa gekommen und ich habe meinen Asylantrag hier gemacht (gestellt).

 

 

Michael Koch: Wie hast Du die erste Zeit in Deutschland empfunden, was gab es Positives, was waren die kritischen Dinge?

Elias Nassour:

Um es ehrlich zu sagen: Vielleicht die einzige positive Sache war am Anfang dieses Sicherheitsgefühl. Du bist in einem sicheren Land, wo Du auf der Straße laufen kannst und es gibt keinen der schießt. Weil ein Politiker spricht und diese bullet (engl.= Kugel) kommt aus deinem Kopf und Du stirbst, nur weil ein Dummer (...gemeint ist die Gefahr, aus Zufall in eine Schießerei zu geraten und getötet zu werden). Das war das einzige gute Gefühl.

Meine Mutter war schon hier. Es war gut, dass meine Mutter und ich in einem sicheren Land waren. Was negativ ist, am Anfang war es (alles) sehr viel. Dieses Ferne-Gefühl (gemeint: Heimweh) – nicht in der Heimat zu sein. ich hatte nur den Körper hier, aber alles (andere) war noch im Libanon: Herz, Kopf, Seele, alles war noch dort. Am ersten Tag als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich meine Freunde im Fernsehen gesehen. Sie waren sehr stark von der Polizei geschlagen worden, von der Armee, weil sie bei einer Demonstration waren. Ich habe geweint, zwei Stunden, als ich meine Freunde gesehen habe. Sie waren so (schlimm) von der Polizei und Armee geschlagen worden.

Im Heim war es auch nicht so schön. Also die erste Ankunft. Die erste Ankunft war in Münster für mich. Es war etwas gut. (Nach) zwei Wochen, dann habe ich mein erstes Interview mit dem BaMF gemacht. Dann wurde ich nach Rheine geschickt. Und dort war es echt eine Katastrophe. Eine Katastrophe, weil zu viert (...) – kein Raum, sondern so (auf)geteilt mit Holz(Wänden). (In) vielleicht zwei Meter mal zwei Meter waren wir zu viert. Mein Handy hatte man geklaut. Die administration (frz.=Verwaltung/Leitung) von dieser Unterkunft war echt sehr unfreundlich. Die haben mich alleine zur Polizei geschickt. Ich wusste gar nichts. Ich war noch neu. Mein erster Monat. (Die sagten): Wir können nichts für Dich machen. Die Atmosphäre im Heim war auch sehr unfreundlich. Jeder kam aus einem anderen Land, (hatte) eine andere Religion. War schwierig. Nach meiner Ablehnung (des Asylantrags), Erstablehnung – ich bin mit einem französischen Visum gekommen – wollten die, dass ich nach Frankreich gehe. Alles war sehr chaotisch. Ein schlechtes Gefühl.

 

Michael Koch: Du wohnst jetzt in Unna, fühlst Du Dich angekommen, Was sind für Dich gute Seiten, was ist schwierig?

Elias Nassour:

Jetzt nach vier Jahren... Ich bin in Unna vier Jahre – nicht in Deutschtand. Das erste halbe Jahr war schwierig. Ich war noch neu. Ich bin auch einmal abgeschoben worden. Das war meine schlechte Erfahrung in Deutschland und das wird vielleicht immer in meiner Seele bleiben. Aber danach, nachdem ich wieder zurückgekommen bin, ich würde sagen, ich (habe) echtes Glück gehabt, dass ich viele gute Leute hier getroffen habe. Viele gute Leute haben mir geholfen in Unna: Ehrenamtliche, Caritas, viele gute Leute.

Mit der Zeit hat sich eine sehr gute Beziehung mit Unna entwickelt. Irgendwie fühle ich mich als ein neuer Unnaer, weil ich eine gute Beziehung mit der Gesellschaft hier entwickelt habe, auch mit viel Engagement.

Ich fühle mich nicht alleine. Ich mache jetzt eine Ausbildung - auch in meinem Ausbildungsbetrieb war(en) sie sehr hilfsbereit. Die Leute dort haben meine Situation akzeptiert, die haben meine Situation verstanden. Sie sind auch sehr flexibel mit mir.

Vielleicht die negative Sache oder weniger Positive: Ich komme aus einer großen Stadt, Beirut, die war immer sehr voll und aktiv. Diese Änderung zwischen einer sehr großen Stadt und einer Stadt, die nicht klein ist, aber auch nicht wie eine Hauptstadt, (da) fühle ich mich ein bisschen blockiert. Irgendwie, aber nicht nur wegen der Stadt, aber auch wegen meines Aufenthaltsstatus. Der ist noch nicht sicher.

 

Michael Koch: Ob und unter welchen Bedingungen könntest Du Dir vorstellen in die Heimat zurückzugehen?

Elias Nassour:

Mein Herz ist immer im Libanon, das hat niemals den Libanon verlassen. Ich bin schon sowieso irgendwie im Libanon. Aber zurück zu gehen nach dem Libanon (...) ich denke nicht, dass in 50 Jahren die Situation im Libanon sich ändern würde – nicht nur im Libanon, sondern im Nahen Osten.

Als Mensch würde ich niemals meine Familie oder meine Kinder in solchen Ländern erziehen. Ich kann vielleicht den Libanon nach hier – für meine Familie oder meine Kinder – bringen, also so als Kultur. Schade, dass wir die schönsten Länder haben oder sehr schöne Länder, (eine) sehr schöne Kultur, aber die schlechteste Politik. Diese würde sich niemals ändern. Ich glaube, dass niemand von der westlichen Welt ein echtes Interesse an der Lage dort hat.

Die Antwort ist: Nein. Also ich würde niemals dorthin zurück(gehen) oder dort wohnen und wieder leben. Nein. Schade. Leider.

Michael Koch: Wäre Deutschland oder diese Stadt n der Lage, Dein Herz zu gewinnen?

Elias Nassour:

Ja. Wenn ich eine eigene Familie hierhätte, die dann hier wohnt oder aufwächst. ich weiß, dass Deutschland viel für meine Familie machen würde, ja die wären ein Teil von meinem Herzen. Eine andere Frage, warum bin ich nach Deutschland… ich könnte (auch) in andere Länder (gehen) – ich kann gut Französisch, ich kann gut Englisch - ich könnte in andere Länder fliehen. Vielleicht wäre das auch einfacher für meine »Papiere«. Aber seit meiner Kindheit hatte ich eine Liebe für Deutschland - warum weiß ich nicht. Wegen Sport, viele (andere) Sachen… ich hatte immer (eine) Liebe für Deutschland. Deutschland hat schon etwas von meinem Herzen. Aber ein großer Teil bleibt im Libanon.

Vielen Dank, Elias!