Fluchtwege

Die Geschichten.

Digitale Weltkarte
Blumentopf

»…ist das riesig

Elena erzählt Euch ihre Geschichte

 

Elena Bybotschkin reiste in den 1990er Jahren mit ihren Eltern als Kind aus der russischen Provinz nach Deutschland.

Als sogenannte »Russlanddeutsche« war ihre erste Station das »Lager« in Unna-Massen, wo sie mit drei Koffer ankamen.

Elenas ersten Erfahrungen in Deutschland waren ungewohnt, fremd und auch, wie sie sagt: »…für mich sehr angsteinflößend.« Vieles war beeindruckend und selbst ein Einkaufszentrum hinterlässt einen besonderen Eindruck: »Wo ich so davorstand und gedacht habe, boah, ist das riesig.« Elena kann viele schon zuvor ausgewanderte Verwandte in die Arme schließen – das scheint für sie ein wichtiger Anker in Deutschland gewesen zu sein – neben ihren Eltern selbstverständlich, die ihr ein besseres Leben ermöglichen wollten. Ihr Vater sprach Klartext: »… Deutsch ist Zugang zur Gesellschaft, lernt was, haut rein, hier könnt ihr, habt ihr superviele Chancen, was zu werden.«

Kein einfacher Weg für die ehemalige »Einser-Schülerin« aus Russland, die nun in der Schule ganz von Vorne anfangen muss und sich manchmal lieber unsichtbar machte: »Ich bin schon häufig aus der Klasse weggerannt die erste Zeit. Die mussten mich dann schonmal fleißig alle suchen. Da habe ich mich versteckt.« Aber Elena schaffte die Hürden von Sprache und Schule, trotz einer Behinderung. Nach einer Berufsausbildung lebt und arbeitet sie als Therapeutin in Unna. Und sie mag die Stadt gerne.

Ob sie nach Russland zurückkehren würde? Ja, für eine Reise vielleicht – auch um ihre Muttersprache wieder zu sprechen und auf den neusten Stand zu bringen. Aber für mehr oder längere Zeit wohl doch nicht. Hier haben sich Elenas Ansichten und Ansprüche was Freiheit und Demokratie angeht geändert: »Ich möchte da nicht hin, weil die Werte die ich jetzt vertrete, passen einfach nicht mit denen überein, die da gewünscht sind.«

»Ich wünsche mir Frieden

Mohamed erzählt Euch seine Geschichte

 

Mohamed Shah(*) floh 2017 mit einem Cousin aus Afghanistan nach Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt war er minderjährig. Er kommt aus einem Landesteil westlich von Kabul, der mehrheitlich von der Volksgruppe der Hazara bewohnt wird. Mohamed gehört zu dieser Volksgruppe.

Mohamed lebte ein einfaches Leben in einem Dorf mit seiner Familie. Als Hazara gehört er einer von der Taliban besonders bedrängten und verfolgten Volksgruppe an. Auch seine Familie wurde bedroht und erlebte Gewalt. Oft geht es darum, dass die Bevölkerung durch die Taliban erpresst wird, diese zu unterstützen. Bei Mohameds Familie muss das ähnlich gewesen sein, zumal einer seiner Brüder bei der afghanischen Armee diente.

Mohamed flüchtete zusammen mit einem Cousin dann in Richtung Europa. Es war eine organisierte Flucht, für die die Familie viel Geld bezahlt haben und ihren Sohn in die unbekannten Hände von Schleppern und Schleusern geben musste. Und wie in den meisten Fällen dauerte die Reise auf dem Fluchtweg viele Wochen und Monate. Eine Zeit der Ungewissheit und Angst, wie er erzählt, in der es manchmal nicht genügend zu essen gab – und er nicht einmal wusste, wo er genau war.

In Deutschland angekommen wurde er als Minderjähriger über das Jugendamt in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht und betreut. »Er war richtig gut da!“, sagt Mohamed, der schließlich von Kamen nach Unna umzog, wo er als junger Erwachsener noch eine Zeit lang Unterstützung bekommen hat. Er hat einen Schulabschluss gemacht und möchte weiter lernen und eine Ausbildung machen.

Gerne würde Mohamed etwas für seine Familie und Freunde in seiner Heimat tun und »nicht einfach so herumsitzen«. Für ihn ist die aktuelle Entwicklung der Machtübernahme durch die Taliban ein schlimmes Ereignis, das ihm Angst macht, etwas, das ihn lehrt, niemandem zu vertrauen.

 

(*) Name durch das Projekt auf Wunsch des Interviewten geändert.

Square Stage

»Ich fühle mich jetzt so, dass ich neu geboren bin!«

Nazir (*) erzählt Euch seine Geschichte

Nazir Ahmad floh mit 16 Jahren Ende 2015 aus Afghanistan. Nazir ist Paschtune. Wie viele andere jungen Paschtunen auch wurde er von der Taliban gedrängt, diese zu unterstützen und ein Teil der Organisation zu werden. Nazir wollte das nicht. Mit Hilfe seines Vaters und seines Onkels verließ er Afghanistan und floh über den Iran, die Türkei, Griechenland und den Balkan nach Deutschland, wo er in München ankam.

In der weiteren »Verteilung« von Geflüchteten in Deutschland wurde er über Gießen in den Kreis Unna geschickt, wo er als sogenannter »umF« (unbegleiteter minderjähriger Flüchtling) zunächst in Kamen in einer Jugendhilfeeinrichtung wohnte und betreut wurde. Später zog es ihn nach Unna. Nazir stelle einen Asylantrag. Erfolgreich – er besitzt einen Aufenthaltstitel.

Nazir schloss erfolgreich die Realschule ab. Eine zunächst begonnene Ausbildung als Hotelkaufmann entsprach schließlich nicht seinen Vorstellungen und er wechselte auf einen Ausbildungsplatz nach Dortmund, wo er sich nun zum Kaufmann für Büromanagement ausbilden lässt.

Europa war sein ausgewähltes Fluchtziel, ein besonderes Land hatte er nicht im Kopf – er wäre auch für »Italien und Schweden« dankbar gewesen. Dass es Deutschland geworden ist war nicht seine Entscheidung, sondern die, der Behörden, die ihn Im Dezember 2016 in den Kreis Unna schickten. Hier fühlt er sich »so normal, so wie andere Mitbürger in Deutschland. Ich habe mich jetzt halt integriert«, sagt er.

In Deutschland ist das Leben, wie in einer anderen Welt im Vergleich zu Afghanistan, vom dem er sagt, sie seien dort »30 Jahre zurück«. Und hier fühlt er sich auch zugehörig: »Ich fühle mich jetzt so, dass ich neu geboren bin! (…) Ich fühle mich so wie ein Deutscher oder wie einer, der hier geboren ist.« Nazir möchte nichts anderes, als ein normales Leben führen, eine Ausbildung machen, zur Arbeit gehen, eine Familie gründen.

Und er findet, dass die Menschen in Deutschland und in Unna tolerant sind: »Jeder akzeptiert so jeden, wie er ist (…). Nicht so wie in Afghanistan wo sie sagen: Du bist Pashto, du bist Hazara, du bist Tadschike, du bist Usbeke...«.

 

(*) Auf Wunsch des Interviewten wurde der Name durch das Projekt geändert

 

Das komplette Interview können Sie hier hören oder lesen

 

Der Integrationsbeauftragte der Stadt Unna:

»Es gibt nicht nur einen Klimawandel, auch der Wandel in einer Gesellschaft vollzieht sich permanent…«!

 

Cengiz Tekin erklärt die Aufgaben eines/einer kommunalen Integrationsbeauftragten und spricht über seine Tätigkeit und Erfahrungen in Unna

 

 

Integrationsbeauftragte gibt es auf Bundes- Landes- oder Kommunalebene in Deutschland. Früher (seit 1978 bereits auf Bundesebene) hießen sie »Ausländerbeauftragte«. Das Amt des oder der Integrationsbeauftragten für den Bund ist im Aufenthaltsgesetz festgelegt, für die Integrationsbeauftragten der Länder und Kommunen gelten entsprechende Gesetze.

Als Integrationsbeauftragte/r wird man nicht gewählt, sondern durch Politik und Verwaltung »bestellt« – oder anders ausgedrückt: Bund, Land und Kommunen können eine Person des Vertrauens, die sich mit entsprechenden Qualifikationen und Qualitäten für dieses Amt bewirbt, als Angestellte einstellen.

In der Stadt Unna gibt es die Stelle als Integrationsbeauftragte/r seit 2017. Cengiz Tekin, der selbst eine Migrationsgeschichte hat, ist der erste Migrationsbeauftragte der Stadt und in dieser Funktion seitdem »im Amt«.

Allgemein haben Integrationsbeauftragte die Aufgabe, sich um die Belange von zugewanderten Menschen zu kümmern. Gemeint sind nicht nur Geflüchtete, sondern auch Zugewanderte aus EU-Staaten und anderen Ländern, ganz gleich aus welchen Gründen (Arbeit, Ausbildung, Familie usf.) sie eingewandert sind. Im Vordergrund steht ihre gesellschaftliche Teilhabe.

Cengiz Tekin erläutert seine Aufgaben und erzählt von seiner Arbeit vor Ort.

 

 

Das komplette Interview können Sie hier hören oder lesen

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©Kreisstadt Unna​

Gradient

»Ich glaube an Demokratie und Menschenrechte

Elias erzählt Euch seine Geschichte

 

Elias Nassour floh 2017 aus dem Libanon mit einem französischen Visum nach Deutschland. Er hat libanesische und syrische Eltern und lebte und studierte zuvor in Beirut, der großen und quirligen Hauptstadt des Landes.

 Elias schloss sich der Demokratiebewegung im Libanon an und war Teil einer unabhängigen oppositionellen politischen Gruppe, die demonstrierten und auf die korrupte Politik von Regierung und Parteien durch Protest und der Besetzung eines Ministeriums aufmerksam machte. »Weil ich viel Liebe habe für mein Land, für meine Heimat, meine Kultur. Und ich glaube an Demokratie und an Menschenrechte«, so formuliert es Elias.

Elias brachte sich durch sein Engagement in Gefahr und musste seine Flucht vorbereiten. Als er schließlich in Deutschland ankam war fühlte etwas sehr Entscheidendes: »Du bist in einem sicheren Land, wo Du auf der Straße laufen kannst und es gibt keinen der schießt«. Er fühlte sich sicher – zunächst. Aber sein Asylantrag wurde abgelehnt und er wurde abgeschoben.

 Er schaffte es dennoch ein zweites Mal. Er kann nun vorläufig bleiben, auch wenn er noch keinen ganz sicheren Aufenthaltsstatus besitzt. Elias macht in Unna eine Berufsausbildung. Ein Studium der Geschichte hatte er im Libanon bereits erfolgreich beendet. Geholfen haben ihm die vielen positiven Kontakte zu Menschen in Unna: »Ich würde sagen, ich habe echtes Glück gehabt, dass ich viele gute Leute hier getroffen habe. Viele gute Leute haben mir geholfen in Unna«.

 Auch wenn »Herz und Seele«, wie er sagt, immer noch im Libanon ist und bleiben wird, er würde nicht mehr dorthin zurückgehen wollen: Elias ist skeptisch: »Ich denke nicht, dass in 50 Jahren die Situation im Libanon sich ändern würde – nicht nur im Libanon, sondern im Nahen Osten«. Das macht in traurig - auch wenn er sein Leben in Deutschland aktiv und optimistisch angeht