Integrationsbeauftragter der Stadt Unna
Cengiz Tekin
im Interview

Cengiz Tekin
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Hintergrundbild: ©Kreisstadt Unna​

Cengiz Tekin ist Integrationsbeauftragter der Stadt Unna.

Interview mit Michael Koch am 26. Oktober 2021; Texterfassung von Michael Koch (Anpassungen von Grammatik, Auslassung, Dopplungen, Worterläuterungen usf. in Klammern)

 

 

Michael Koch: Was ist die Aufgabe und die Rolle eines/r Integrationsbeauftragten?

 

Cengiz Tekin:

(...) Spätestens mit der Flüchtlingssituation 2015 stand das Thema Integration in der Öffentlichkeit mehr und mehr im Fokus, mehr und mehr im Zentrum. Und die Kommunen und auch die Kreise haben sich Gedanken darüber gemacht, wie Integration gestaltet werden sollte. Deutschland ist ja ein Land, wo immer Migranten zugewandert sind, seit den 50ern und auch später mit den Gastarbeitern, wieder später mit den Flüchtlingen aus dem Ostblock. Da gab es immer wieder Begegnungen (..., dass sich für die) Integration der Menschen hier im Lande planerisch und technisch Gedanken gemacht werden musste.

Der Integrationsbeauftragte einer Stadt zum Beispiel kümmert sich hauptsächlich darum, dass eine Bestandsaufnahme gemacht wird in der Gesellschaft. In der Stadt bzw. in der Kommune, in der er tätig ist, macht er eine Bestandsaufnahme, was für eine Teilhabemöglichkeit für Menschen vorhanden ist, die in ihren Orten leben oder in ihrem Stadtteil leben, und welche Teilhabe und auch Partizipationsmöglichkeiten sie gerne dazu hätten. Und die Kommunen sind (...) verpflichtet, oder müssen sich darum kümmern, dass ein gemeinsames Integrationsverständnis (...) erreicht wird. Dieses gemeinsame Integrationsverständnis führt dazu, dass Menschen in einer Kommune, in einer Gesellschaft, besser und auch friedvoller und auch gedeihlicher miteinander umgehen. Das sind die Hauptaufgaben eines Integrationsbeauftragten.

Ich habe ja eingangs gesagt, dass eine Aktion dieser Flüchtlingssituation 2015 dazu geführt hat, dass man sich mehr und mehr Gedanken darüber (machte). Dieser Begriff der Integration ist eine weit ausgedehnte Begrifflichkeit, die man so zunächst nicht ad hoc definieren kann. Und jede Stadt, jeder Mensch definiert das anders und von der Begrifflichkeit her ist das eher (eine) technische Begrifflichkeit, die (über) den sozialen Bereich anders übergestülpt werden müsste. Man hat viele Versuche unternommen, um das zu erreichen. Es gibt zum Bespiel wissenschaftliche Annäherungen, wie man Integration einigermaßen definieren kann. Zum Beispiel ein Herr Esser (der Soziologe und Hochschullehrer Hartmut Esser) hat das mal auf vier Ebenen getan, in vier Bereichen, die heißen: Strukturelle Integration, kulturelle Integration, soziale Integration und auch die emotionale Integration.

Wir neigen gerne dazu, weil diese »Problemlagen«, die an uns herangetreten sind in 2015, wo wir ad hoc alle überfordert waren, uns mehr und mehr Gedanken gemacht haben – aber es gab auch vor dieser Zeit Menschen mit Migrationshintergrund, auch eine Zuwanderung. Diese Integrationsgeschichte wurde »schleifen gelassen«, wo man jetzt zu einer Erkenntnis gekommen ist, dass man das besser strukturiert, besser organisiert, besser handeln (kann), damit man in Zukunft (...) in unserer Gesellschaft besser zusammenleben kann. Es gibt nicht nur einen Klimawandel, auch der Wandel in einer Gesellschaft vollzieht sich permanent und wir befinden uns permanent in einem Identitätswandel – (die) ganze demografische Zusammensetzung ändert sich auch. Wir müssen uns auf diesen demografischen Wandel einlassen und uns damit zurechtfinden. Der Integrationsbeauftragte ist ein »kleines Rädchen« bei diesem (...) Konstrukt, um das Ganze am Laufen zu halten.

 

 

Michael Koch:

Wie ist Deine persönliche Rolle? Vielleicht könntest Du ein oder zwei Beispiele geben, wie Dein Arbeitsalltag als Integrationsbeauftragter funktioniert.

 

Cengiz Tekin:

(...) Die Stadt Unna hat sich 2017 dazu bereit erklärt die Stelle des Integrationsbeauftragten in ihrem Konstrukt und ihrer Organisation aufzunehmen und die Stelle wurde ausgeschrieben. Da ich zuvor beim Jugendamt gearbeitet habe, habe ich mich auf die Stelle beworben, weil mich die Organisation und die Lenkung und die strategischen Gedanken dazu (gebracht haben), um besser Einfluss nehmen zu können. Ich habe seit diesem Datum, seitdem ich als Integrationsbeauftragter angestellt bin, mich damit beschäftigt, wie die Ausgangssituation hier in der Kreisstadt Unna ist. Welche Möglichkeiten es gibt, welche Angebote, welche Nachfragen es bezüglich Spracherwerbes gibt. All diese Bestandsaufnahmen wurden gemacht und ich war letztendlich damit beschäftigt mit den Menschen hier vor Ort ein Integrationskonzept für die Kreisstadt Unna zu erstellen. Und das ist uns Gott sei Dank auch gemeinsam gelungen.

Ende 2020 haben wir dann unser Integrationskonzept als ein Zwischenergebnis, weil es ein Prozess ist, der fortwährend, fortdauernd passieren muss und dieser Wandel muss immer wieder auch in den Migrationskonzepten noch einmal dargestellt werden und den Leuten vor Augen geführt werden, an welcher Stelle wir uns gerade befinden. Das sind hauptsächlich meine Aufgaben – die Erstellung des Integrationskonzeptes mit den verschiedenen Bausteinen und in diesen Bausteinen sind sehr viele kleine Modelle, sozusagen Module, die bearbeitet werden müssen – von Vereinen bis hin zu Initiativen, die Fragen herantragen, die beantwortet werden müssen. Als Bindeglied für den Integrationsrat, der auch bei der Kreisstadt Unna verortet ist, Bericht zu erstatten, den Ausschüssen Bericht zu erstatten, was gerade Sachlage ist. Das sind hauptsächlich meine Aufgaben.

 

 

Michael Koch: Du hast viel mit Migrantinnen und Migranten zu tun aus vielen Ländern. Du hast selbst gesagt, Du hast zu tun mit Verwaltung, Du hast zu tun mit Ehrenamtlichen, mit Vereinen, die von oder mit Migrantinnen und Migranten, mit Geflüchteten arbeiten – wie hat das deine eigene Sicht auf die Gesellschaft, Deine Sicht auf das Thema Migration verändert?

 

Cengiz Tekin:

Da ich ja selbst ein Mensch bin, dessen Eltern aus der Türkei stammen und ich auch letztendlich einen Migrationshintergrund habe, obwohl ich das so für mich nicht sehe, weil ich hier mit zwei Jahren nach Deutschland gekommen bin und hier aufgewachsen bin, die ganze Bildungsgeschichte durchlebt habe, das ganze Bildungssystem durchlaufen habe. Daher ist das von außen betrachtet ein anderes Bild auf mich, als ich ein anderes Bild auf diese Gesellschaft habe. Das Bild was ich jetzt in den letzten Jahren durch meine Tätigkeit erfahren habe, ist, dass die Welt sehr, sehr vielschichtig ist, dass Vielfältigkeit auch eine Bereicherung sein kann, Vielfältigkeit tatsächlich auch einen sehr großen Nutzen bringen kann. Man muss nur die Potenziale halt auch kennen und aus der Warte heraus betrachten. Wenn man sagt: »Nein, braucht man nicht«, alles ist so gut wie es ist, dann bleibt man meistens an derselben Stelle und kann sich nicht weiterentwickeln – so die These. Aber die Vielfältigkeit bringt tatsächlich auch eine Bereicherung für die Gesellschaft, weil, wir haben gerade im Eingang erwähnt, dass dieser demografische Wandel tatsächlich uns auch ereilt in den nächsten zehn, zwölf, fünfzehn Jahren.

Wir sind mitten in diesem Prozess dieses Wandels, was wir selbst so vielleicht nicht wahrnehmen können. Aber es werden sich höchstwahrscheinlich viele, viele Veränderungen, weitere Veränderungen, ergeben, wenn wir diese Vielfältigkeit beibehalten. Es sind sehr viele schöne Sachen im Laufe (der Zeit) passiert – (...) Initiativen haben sich gebildet, die Kreisstadt Unna ist sehr, sehr reich an Menschen, die tatsächlich gewillt sind Hilfe zu leisten, nicht nur für Flüchtlinge, sondern auch weiteren, die nachher durch Familienzusammenführungen vielleicht gekommen sind. Es haben sich zusätzliche Initiativen gebildet, die gehört haben, das BaMF-Programme aufgelegt sind und haben dann wiederum andere Menschen nochmal angesprochen und mobilisiert, um dort helfend diesen Menschen unter die Arme zu greifen. Es sind noch zusätzlich Kapazitäten eröffnet worden für Menschen, die als Flüchtlinge (gekommen sind).

Flucht ist ein heterogener Begriff: Vielfältige Menschen unter den Flüchtlingen. Es gibt Flüchtlinge, die super organisiert das Ganze (also die Flucht) gehandelt haben und auch im Ausland dann (sicher) angekommen sind. Es gibt auch Flüchtlinge, die in Pufferzonen in irgendwelchen Ländern stecken. Das sind manchmal die ärmsten der ganz Armen, weil Ressourcen fehlen, um sich weiter zu bewegen, sprich: Ressourcen – was Skills betrifft, ob man Anträge stellen kann, ob man sich an irgendwelche Behörden wenden kann und ob man noch irgendeinen einschalten kann, der als Vermittler dienen kann. Das sind alles weitere Probleme. Oder weitere Handicaps, die in der Familie bestehen, also Behinderungen oder Krankheiten, (und) sie sind dann in Zwischenstopps gelandet und (können) nicht weiter – nicht vor und nicht zurück. Dafür gibt es hier vor Ort eine Initiative, die Menschen über Resettlement-Programme holen wollen und auch ihnen mit vielen, vielen Vorleistungen sogar entgegen kommen und helfen wollen. Das finde ich sehr gut!

 

Vielen Dank, Cengiz!