Elena Bybotschkin
Spätaussiedlerin aus Russland

Elena Bybotschkin Interview
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Interview: Elena Bybotschkin, 35 Jahre alt, eingewandert 1996 aus Russland, zunächst nach Unna-Massen, später nach Hamm – lebt und arbeitet in Unna

Interview mit Michael Koch am 14. Mai 2021

Texterfassung von Michael Koch

 

 

Michael Koch:

Als Du nach Deutschland gekommen bist aus Russland - wie war das für Dich? Du hattest das nicht selbst entschieden, sondern deine Eltern?

Elena Bybotschkin:

Das war für mich sehr angsteinflößend. Die erste Erinnerung die ich habe. Wir sind in Hannover gelandet. Mein Onkel hat uns abgeholt und wir mussten mit fünf Personen oder sechs Personen in einem Auto fahren - was bei uns normal war, in Russland ist das normal, hier nicht. Wie haben wir das geschafft? Meine Eltern und ich sind mit drei Koffern hier hin gekommen im Prinzip, (mit) drei Kindern, und, ja, es war aufregend, aber auch angsteinflößend.

Was wir auch ganz viel gemacht haben, meine Eltern haben unheimlich viel Geld für Nahrungsmittel ausgegeben am Anfang. Extra, damit wir einfach etwas so wie Dinge […] Bananen, was damals in Russland nicht so zugänglich war. Uns sattessen, das war halt irgendwie so, wie die erste Aufgabe, die meine Eltern erfüllt haben.

Und dann natürlich auch, die Verwandtschaft wiederzusehen. Meine Oma, meine Onkel, mütterlicherseits, weil, meine Mutter ist ja deutschen Ursprungs. Das war natürlich spannend, die Verwandtschaft anders kennen zu lernen.

 

Michael Koch:

Deine ersten Eindrücke in Deutschland?

Elena Bybotschkin:

Ich bin 1996 hierhin gekommen, nach Hamm, das war das erste Lager. Nein, erst sind wir nach Unna eingereist, Unna-Massen. Da sind wir ein paar Wochen verblieben und dann sind wir nach Hamm eingereist, weil meine Verwandtschaft auch in Hamm wohnt und sollten auch möglichst nah beieinanderbleiben und deswegen […]. So die Stadt und die ersten Eindrücke waren so [...] ich kann mich noch an das riesengroße Gebäude des Allee-Centers erinnern. Wo ich so davorstand und gedacht (habe), boah, ist das riesig!

Ja, die fremde Sprache zu hören für mich und nichts zu verstehen, das ist natürlich auch so eine Aufgabe gewesen. In die Schule zu gehen und nicht mal zu begreifen, was mit mir passiert. Also ich wurde in die dritte Klasse geschickt, obwohl ich eigentlich schon so weit war, dass ich in die fünfte hätte gehen können und sollte dann im Kunstunterricht, also in den schönen Unterrichtstagen, dann deutsch lernen. Ich hatte dann immer so Förderdeutsch, Nachhilfe. Das war für mich total heftig das Erlebnis, weil, ich war anders, weil ich eine Behinderung habe und dann war ich für die Kinder nochmal anders, weil ich nichts verstanden habe. Und das war schon schwierig. Ich bin schon häufig aus der Klasse weggerannt die erste Zeit. Die mussten mich dann schonmal fleißig alle suchen. Da habe ich mich versteckt.

 

Michael Koch:

Die schönsten und aufregendsten Erlebnisse in der ersten Zeit?

Elena Bybotschkin:

Ich habe eine Sozialarbeiterin kennen gelernt und zwar in so einem Jugendzentrum, die sich dafür eingesetzt haben, mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Und die hat ganz, ganz viel dafür getan, dass ich mich integrieren durfte. Die hat mir tatsächlich so ein paar Dinge beigebracht, die wichtig waren. Wie Knigge, zum Beispiel, wie benimmt man sich am Tisch […] ganz viele kreative Sachen mit uns gemacht, ganz viel Mädchen-Kram mit uns gemacht. Die hat von Anfang an meine Resilienz mitgefordert. Dies war eine ganze wesentliche Schlüsselperson.

 

Michael Koch:

Gab es auch schreckliche Ereignisse, die mit Deiner Einwanderung zu tun hatten?

Elena Bybotschkin:

Der Verlust der Schulnoten. ich war halt immer so eine Einser-Schülerin in Russland. Und dann halt einfach nach Deutschland zu kommen in eine fremde Klasse, dass man erstmal die Buchstaben lernt […] und überhaupt die Schriftform – und nicht mehr die Beste in der Klasse zu sein, das war schon tragisch.

 

Michael Koch:

Hat sich etwas verändert in der Familie, im Umfeld, im Umgang miteinander, nachdem ihr eine Weile in Deutschland gelebt habt?

Elen Bybotschkin:

Also ich muss sagen, (ich war) die erste von der Familie, die die deutsche Sprache schnell begriffen hat und dadurch kam es zu einer Rollenverschiebung. Ich durfte als zwölfjähriges Mädchen mit Anwälten telefonieren im Namen meiner Mutter oder so Arztbehandlungen. Aufgrund meiner infantilen Zerebralparese bin ich dann selber hingegangen mit zwölf ohne meine Mutter, weil die hat es einfach nicht verstanden was die gesagt haben. Oder Elternsprechtage, das war auch total witzig. Da musste ich immer mitgehen und alles übersetzen. Also das hatte dann einfach keinen Wert, dass sie dann da mitgegangen ist, weil ich hätte ihr alles sagen können, was der gesagt hat oder nicht gesagt hat.

Also es ist schon (so) und die Strukturen zu begreifen, wie das hier alles funktioniert. Meine Eltern haben die ersten zwei Jahre von Sozialleitungen leben müssen, weil es nicht anders ging und sind aber relativ früh dann schon arbeiten gegangen. Meine Mutter hat dann eine Zeitlang tatsächlich als Putzfrau gearbeitet und so in Haushalten wo Menschen halt ein bisschen mehr Geld hatten, wahrscheinlich auch nicht angemeldet - gehe ich mal von aus (lacht) – und das war so weil die [...] meine Eltern hatten schon den Wunsch nun mal arbeiten gehen zu dürfen. Und die Sprache hat sie oft daran gehindert, eben sich normale Jobs zu akquirieren und ja, zwei Jahre waren wir, zwei oder sogar mehr – ich kann das jetzt nicht so genau sagen – aber eine Zeitlang mussten wir vom Staat leben. Das war schon (macht eine Geste).

Natürlich hatten sie dann mehr Zeit für uns, das war halt positiv, dass man eben nicht acht Stunden weg ist. Aber später, wo die dann Jobs gekriegt haben beide, war tatsächlich so, war ich viel auf mich allein gestellt ich muss tatsächlich ganz viel Verantwortung übernehmen. Als ich nach Deutschland gekommen bin war mein Kindesleben vorbei. Weil mein Vater hat einfach gesagt - okay, wir sind hier(hin) gekommen, damit ihr bessere Perspektiven habt, damit ihr ein besseres Leben habt. Hier ist die medizinische Versorgung eine andere. Das war auch (mit) der Hintergrund, warum wir nach Deutschland rübergegangen sind. Meine Eltern haben sich für mich einfach eine bessere Zukunft gewünscht und auch für meine Geschwister. Dann hat mein Vater ganz klar gesagt, Deutsch ist Zugang zur Gesellschaft, lernt was, haut rein, hier könnt ihr, habt ihr superviele Chancen, was zu werden. Und das war so die Ansage.

 

Michael Koch: Hast Du mal darüber nachgedacht, oder gab es mal eine Situation, wo Du dachtest: »Ich möchte eigentlich wieder zurückgehen« (nach Russland)?

Elena Bybotschkin:

Heute denk ich öfter darüber nach wie es wäre zurück zu gehen. Diese Frage muss ich mir auch heute stellen ich glaube, das ist auch ganz wichtig. Nur was mich eben stört ist, dass da ein Diktator an der Macht ist und ich hier in der Demokratie lebe und das ist das einzige, das mich davon abbringt im Moment rüberzugehen.

Also eine Reise zu machen, würde ich gerne. Und ich habe auch schon mal überlegt, früher mal, dass ich therapeutisch einfach rüber gehen, also beruflich rübergehe, da mal zu arbeiten und meine Muttersprache jetzt ein bisschen besser zu pflegen und auf den neuesten Stand zu bringen, upzudaten, aber irgendwie, dass da einfache keine demokratische Wirkung sein kann, das ist für mich halt einfach etwas, wo ich gehemmt bin. Ich möchte da nicht hin, weil die Werte die ich jetzt vertrete, passen einfach nicht mit denen überein, die da gewünscht sind.

Michael Koch:

Unterscheiden sich russische Menschen von den Menschen hier in Deutschland?

Elena Bybotschkin:

Ich erkenne Sie, ich erkenne meine Landsleute - also Spätaussiedler anhand der Sprache. Also wo die Unterschiede sind: Essen, Essengewohnheiten sind einfach nochmal andere. Dann der Zusammenhalt ist nochmal anders, also die russischen Menschen identifizieren sich viel mit der Familie, also ich glaube deutsche Menschen machen das auch, aber es ist hier einfach für mich sichtbar wie viele Familienfeiern (…) Also wir haben einfach so ein Remix daraus (gemacht): Deutsche Feiertage und – weil ich russisch-orthodox getauft wurde – russische Feiertage. Und z.B. der 8. März wird bei mir in der Familie gefeiert in Deutschland jetzt nicht so. (Anm. d. Interviewers: Am 8. März wird der Internationale Frauentag gefeiert; In der Sowjetunion war und in Russland ist dieser Tag ein gesetzlicher Feiertag; in Deutschland seit 2019 nur in Berlin eingeführt)

Ich glaube im Grunde genommen unterscheiden wir uns eigentlich durch bestimmte Rituale. Zum Beispiel: Meine Eltern pflegen zum Beispiel ein Ritual jedes Jahr – es gibt in der Nähe wo sie wohnen, hier in Deutschland gibt es ein Denkmal für russische Soldaten und eines jeden Jahres am 1. Mai teilweise auch am 9. Mai (Anm. d. Interviewers: nach russisch-orthodoxem Kalender) gehen die dann dahin und legen Blumen hin. Oder: Ganz typisch auch, dass das Ostern verschoben ist. Russisch-orthodoxes Osterfest findet an einem anderen Zeitpunkt statt als eben evangelisch. Ich bin zum Evangelium gewechselt, damit ich auch bessere Möglichkeiten habe in Deutschland einen Job zu finden - aber im Grunde genommen feiern wir irgendwie doppelt. (lacht)

Wir feiern auch Weihnachten im Januar, das wird trotzdem weiterhin gefeiert. Also ich habe zwei Mal Weihnachten im Jahr (lacht). Also das ist schon anders, klar die drei Tage Urlaub halten wir uns an die deutschen Kalender aber so der 7. Januar, das wird immer mit einem Essen und mit Zusammensein mitbetrachtet. Damit unterscheiden wir uns. Das sind unsere Rituale einfach.

 

Michael Koch:

Wie nimmst Du Unna wahr? Weil vor allem in deiner Migrationsgeschichte hat ja jetzt Unna einen Rahmenden Faktor - es war die erste Stadt, wo Du angekommen bist – in Unna Massen und ist jetzt wieder die Stadt in der Du lebst. Was gefällt Dir an Unna, was nicht?

Elena Bybotschkin:

Also Unna ist für mich dadurch eine schöne Stadt, weil wesentlich weniger Einwohner als Hamm. Das finde ich sehr angenehm. Was ich auch sehr angenehm finde: Ich wohne hier halt mitten in der Stadt, das ist etwas was ich schön finde, weil ich schnell am Rathaus oder am Bahnhof bin. Das ist super. Kulturell kann ich jetzt noch nicht viel sagen aufgrund von Corona. Ich hätte mich auf so ein Stadtfest sehr gefreut und hätte mir das auch sehr gerne angeschaut und wie das dann so ist: Wie die Menschen hier so sind. Ich war auch schonmal bevor ich hier gewohnt habe einkaufen, die Innenstadt finde ich sehr, sehr schön.

Also was finde ich nicht gut an Unna? Unna ist tatsächlich schon sehr davon geprägt, dass es (eben) so eine Beratungsstelle gibt. Weil in anderen Städten kenne ich das so nicht.

Das ist schon bemerkenswert, dass der Ursprung hier ist und dass es mich irgendwie zurückgeführt hat, ja, mag sein. Es hat halt mit meiner Arbeitsstelle zu tun, dass ich hier arbeite.

Michael Koch: Du bist nicht in Deutschland geboren, Du bist hierhin ausgewandert. Du wohnst schon eine ganze Weile hier - mich würde aber eine Sache interessieren: Wenn ich Dir einfach den Begriff »Integration« an den Kopf werfe – was kannst Du damit für Dich anfangen?

Elena Bybotschkin:

Naja Integration ist für mich... (zögert). Ich muss da einmal kurz in mich gehen: Ich habe Letztens nämlich ein sehr, sehr schönes Bild gesehen, was das eigentlich so bedeutet... (sucht das Bild und zeigt ein Modell mit den Unterschieden zwischen Integration, Inklusion, Assimilation usf.)

Integration ist ja, wenn eine kleine Gruppe Menschen umschlossen wird von der anderen Kultur eben. Und ich wünsche mir eigentlich eine Inklusion wo wir alle ganz gut zusammen sind. Und Integration hat Grenzen im Vergleich zu Inklusion - meiner Meinung nach. Ich wünsche mir eigentlich Inklusion, ja!