Flucht und Migration

Flucht (daher auch das Wort »Flüchtling«) ist ein sehr vielschichtiger Begriff. Im Zusammenhang mit Migration ist damit zunächst ein eiliges, oft unvorbereitetes und unorganisiertes Fortgehen gemeint, das durch unmittelbare Gefahren oder bedrohliche Lebensumstände hervorgerufen wird, z.B. durch die Folgen von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Stürme, Dürren oder Erdbeben.

Dazu zählen aber auch menschengemachte Katastrophen, wie z.B. Bürgerkriege, Kriege und politische Verfolgung. Ob eine Flucht tatsächlich »eilig« ist oder sein muss oder ob noch ausreichend Zeit zum Fortgehen zur Verfügung steht, liegt an den jeweiligen Umständen. Ein Beispiel aus dem Bürgerkriegsland Syrien mag das erläutern: Manchen Menschen wurden durch Luftangriffe und anderes Kriegsgeschehen Haus und Habe zerstört oder feindliche Milizen marodierten durch ihre Wohngegenden.

 

Formen und Begriffe von Migration

Migration bedeutet zunächst nichts anderes als »Wanderung«: Die Bewegung von Individuen oder Gruppen von Menschen von einem Ort zu einem anderen. Migration kann erzwungen sein (in Sinne von Deportation oder Vertreibung), reaktiv, bzw. existenziell notwendig (bei Zerstörung der Lebensgrundlagen, z.B. bei Naturkatastrophen) oder tendenziell freiwillig und geplant erscheinen – für eine Verbesserung der Lebenssituation beispielsweise. Eine Migration kann auf Dauer angelegt sein oder eine zeitlich begrenzte Perspektive besitzen, um z.B. Kriegsereignissen auszuweichen oder disparate politische Verhältnisse vorläufig abzuwarten. Die Begriffe Aus- und Einwanderung (synonym: Emigration und Immigration) werden vor allem bei grenzüberschreitender Wanderung in Bezug auf das Verlassen von oder Ankommen in oder bei neuen Orten und Regionen verwendet, setzen das Bestehen von Grenzen und Nationalstaaten im modernen Sinne voraus.

Bei einer Einzelmigration entscheidet sich ein einzelner Mensch aus unterschiedlichen Motiven für eine zeitweilige oder dauerhafte Auswanderung. Von Gruppenmigration kann gesprochen werden, wenn sich zeitgleich große Gruppen von Menschen in Bewegung setzen, auch hier können verschiedene Ursachen Auslöser sein. Gelegentlich wird bei sehr großen Gruppen auch von Massenmigration oder Massenwanderung gesprochen, wobei die Anzahl der Menschen nicht definiert ist – oft scheint hier die (medial vermittelte) Wahrnehmung vor allem in den Einwanderungsländern eine solche Wortverwendung zu motivieren. Eine Kettenmigration beschreibt eine Wanderung gezielt in solche Regionen oder Länder, in denen schon Landsleute bzw. Menschen aus einem ähnlichen Kulturkreis leben. Die Migration erfolgt dann oft zunächst in Gegenden bzw. Quartiere (»ethnische Viertel«), in der sich die jeweils neuen Migrant*innen aufgrund von Kulturäquivalenten orientieren können.

 

 

 

 

 

Grundsätzlich gibt es keine ursachenlose Migration, d.h. Menschen verlassen ihren Lebensort dann meistens nicht oder ziehen es zumindest nicht in Betracht, wenn sie dort über günstige oder ausreichende Ressourcen verfügen, sie gute oder mindestens vereinbare politische, soziale und kulturelle Verhältnisse vorfinden oder sich zumindest keine besseren Lebensbedingungen an anderen Orten vorstellen können. Hinzu kommt eine schwer definierbare emotionale Bindung an den Ort, den Menschen als Heimat empfinden, der Engramme und Prägungen hinterlässt und einen Teil der Identität bestimmt. Diesen zu verlassen fällt aus psychologischer Sichtweise nicht leicht.

Ist das Ziel einer Einwanderung nicht auf Dauer als Lebensmittelpunkt angelegt, sondern nur Station für die Weiterwanderung in ein anderes Land bzw. in eine andere Region, die nicht dem Ausgangsort entspricht (Remigration), spricht man von Durchwanderung bzw. Permigration. Bei Wanderungsbewegungen innerhalb von (Flächen-)Staaten spricht man von Binnenmigration (z.B. Land-Stadtflucht). Das Verständnis von Binnenmigration ist an das Bestehen von Staaten im politischen und juristischen Sinne mit festen Grenzen und Herrschaftsgebieten gekoppelt. Bis in die frühe Neuzeit macht dieser Begriff daher nur im Kontext naturräumlicher Grenzen überhaupt Sinn. Unter Zirkulärmigration ist eine periodisch an denselben oder ähnlichen Orten auftretende Wanderung bestimmter Gruppen zu verstehen (z.B. bei Saisonarbeit in der Landwirtschaft oder im Tourismus).

Die Gründe und Ursachen, die Menschen dazu motivieren einen Ort zu verlassen, also von ihm weggeschoben werden, werden in der Migrationsforschung als Push-Faktoren bezeichnet (dieses Konzept findet jedoch auch seine Kritik). Gründe einen anderen Ort geplant aufzusuchen, ihn als attraktiv zu bemessen, sich niederzulassen und dort, zumindest temporär, einen Lebensmittelpunkt zu antizipieren werden Pull-Faktoren genannt.

Für gewöhnlich ist Migration nicht monokausal zu erklären. Es liegen in den meisten Fällen sowohl Push-, als auch Pull-Faktoren vor; Ausnahmen

mögen bei ad-hoc-Entscheidungen vorliegen, einen

Ort zu verlassen, wenn er durch Krieg oder Katastrophen

zerstört wurde; das Fortgehen von Menschen ist hier

unmittelbar existenziell.

Wirtschaftsmigration bezeichnet eine Wanderung von Menschen, die allgemein ökonomische Motive (Push und/oder Pull) haben, ihren Lebensmittelpunkt ganz oder zeitweise zu verlagern. Die wirtschaftlichen Ursachen oder Motive können dabei sehr unterschiedlich sein. Eine deutsche Ärztin, die sich in Großbritannien niederlässt, weil ihrer Arbeitsplätz dort ein höheres Einkommen erzielt ist ebenso eine Wirtschaftsmigrantin wie eine Saisonarbeiterin aus Polen, die in der deutschen Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt verdient – beide sind ebenfalls Arbeitsmigrantinnen. Der weiter gefasste Begriff der Wirtschaftsmigration umfasst aber auch die Auswanderung von Menschen, die aufgrund zu hoher Steuern in ein anders Land abwandern oder z.B. von Subventionen profitieren möchten.

Der Begriff »Landnahme« beschreibt häufig eine weniger legale und in der Regel meist illegitime, durch die Stammbevölkerung unerwünschte Einwanderung, häufig im Verständnis von »Eroberung« fremder Territorien; der Begriff steht im Sinne einer mit Gewalt (häufig Krieg) erzwungenen Aneignung bzw. Machtübernahme und wird häufiger in historischen Zusammenhängen benutzt (vgl. die »Eroberung der neuen Welt« vor allem durch Spanien nach 1492). Modern hingegen ist der Begriff eines potenziellen Migrationsbewegungen auslösenden »Land-Grabbings« – auch wenn das beschriebene Phänomen schon älter ist. Konkret geht es um die teils illegitime oder illegale Aneignung oder Neuverteilung von Territorien, Boden oder natürlichen Ressourcen, die mindesten Migrationsdruck erzeugen, maximal die Lebensgrundlage der Stammbevölkerung vernichten können. Die Ausdehnung der USA nach Osten im 19. Jahrhundert (die staatlich sanktionierte Verdrängung der indigenen Völker durch europäisch-stämmige Siedler) steht hierfür als Beispiel. 

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Sie mussten also vor den Kriegsereignissen in ihrer Region im Sinne des Wortes »um ihre Leben laufen«. Andere wohnten in noch nicht unmittelbar militärisch bedrohten Gegenden und hatten einige Tage oder Wochen Zeit, ihre Angelegenheiten zu regeln und die Flucht zu planen, Sachen zu packen oder Wertgegenstände zu verkaufen, um damit ihre Flucht zu bezahlen – »auf der Flucht« sind oder waren sie alle.

Wortergänzungen lassen Begriffe wie »Wirtschaftsmigration«, »Arbeitsmigration«, »Armutsmigration« usf. entstehen. Diese inkorporieren spezielle Push- bzw. Pull-Faktoren, enthalten aber auch politische oder soziale Konnotationen im Sinne von Problematisierungen (also Hypothesen zu wesentlichen Migrationsursachen).

Land-Grabbing kann aber in Bezug auf staatliche Akteure auch friedlich verlaufen – siehe hierzu ebenfalls das Beispiel der USA, die das riesige Alaska-Territorium 1867 dem russischen Zarenreich abkaufte und in das eigene Staatsgebiet eingliederte. Ein aktuelles Beispiel für Land-Grabbing stellen die Landaufkäufe von vor allem  chinesischen Konzernen auf dem afrikanischen Kontinent dar, um Kontrolle über Agrarflächen und Bodenschätze zu bekommen.

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